Liebe
Mitbürgerinnen und Mitbürger,
sehr
verehrte Damen und Herren Ratspräsidentinnen und Ratspräsidenten
aus Europa,
liebe
Kolleginnen und Kollegen aus der Schweizer Politik,
Cordial
bainvegni sin quest prà istoric al Lai dad Uri nua ch'il pievel
svizzer è parti avant 700 onns sin ses viadi lung e cun success.
In grond engraziament che Vus essas vegnids oz sin il prà dal Rütli
per partir sin in nov traget da nossa via.
Su
questa storica radura ehe guarda il lago dei Quattro Cantoni porgo a tutti
voi cordialmente il benvenuto. E' da questo sito che 700 anni or sono prese
avvio il lungo e fecondo cammino del popolo svizzero e oggi ringrazio Voi
per esservi tornati ad abbozzarne un nuovo tratto.
Sur
cette prairie historique du Lac d'Uri, je vous adresse une cordiale bienvenue
à tous. C'est à partir d'ici que le peuple suisse a commencé,
voici 700 ans la longue marche, couronnée de succès. Je vous
remercie de vous être rendus sur cette prairie pour commencer une
nouvelle étape.
Was ist das Rütli für uns? Es war vor 700
Jahren der Ort des Aufbegehrens und des Aufbruchs. Es ist der Ausgangspunkt
unserer eidgenössischen Geschichte. Von hier aus ist die Schweiz entstanden,
in ihrer Vielgestaltigkeit, in ihren Widersprüchen, in ihren Kulturen,
in ihrer einfachen republikanischen Tradition.
Das Rütli war nicht Rückzug, sondern Ausgangspunkt.
Ich sage das, weil ich der Ueberzeugung bin, dass es auch heute nicht Rückzug
sein kann. Es muss wieder Ausgangspunkt sein, wieder für die Gestaltung
unserer Zukunft.
Es ist der Ort, von dem aus wir aufbrechen. Es ist
die alte Quelle, aus der
wir Kraft schöpfen für neue Ideen. Diesmal tun wir es nicht
in einer Nacht der Verschwörung, wir tun es im Licht der schweizerischen
Oeffentlichkeit und vor den Präsidenten aller Parlamente der europäischen
Nationen.
Sie, sehr geehrte Damen und Herren Parlamentspräsidenten,
beehren uns mit Ihrem Besuch in diesem eigenwilligen Zentrum Europas. Sie
sind gekommen, um unsere Geschichte zu würdigen. Wir danken Ihnen
dafür.
Ich kann Sie nicht alle persönlich begrüssen.
Stellvertretend aber will ich einen Namen nennen, den Namen eines Symbols
der Freiheit, der auf das Rütli passt: Alexander Dubcek.
Sie, meine lieben Kolleginnen und Kollegen aus schweizerischen
und kantonalen Behörden sind hierher gekommen, weil Sie die entscheidende
Verantwortung in unserer Gegenwart mittragen.
Euch, liebe Innerschweizer, ganz besonders Euch,
liebe Urner, danken wir, dass Ihr uns diese symbolische Wiese bis heute
erhalten habt.
Sie, liebe Schweizerinnen und Schweizer, blicken
heute auf das Rütli, weil Sie wissen wollen, wohin wir aufbrechen.
Wohin brechen wir auf?
Die Antwort kann nur lauten: Europa.
Wenn ich Europa sage, dann meine ich heute nicht
nur den einen Teil, nicht Westeuropa! Ich meine Europa als Ganzes: Sowohl
das Europa der westeuropäischen Kulturen, wie das Europa, das sich
im Osten zu neuen Demokratien formt. Ich meine Europa
im Aufbruch und im Umbruch, vom Atlantik bis zum Ural, vom Mittelmeer
bis hoch in den Norden.
Wir Schweizer liegen eingebettet in diesem Kontinent
der Völker und der Kulturen. Zwar liegen wir nicht in der Mitte. Aber
wir liegen im Herzen. Beim Menschen liegt das Herz ja auch nicht in der
Mitte.
Unser Kontinent fordert uns alle heraus, auch die
Schweiz. Er fordert uns erstens wirtschaftlich heraus. In diesem Punkt
bin ich recht zuversichtlich. Die Völker Mittel-und Osteuropas sind
bereit - unter Entbehrungen, mit Kraft und mit Würde - ihr Schicksal
anzupacken und es nachhaltig zu verändern. Und die Nationen Westeuropas
sind bereit, Hilfe zu leisten und auch zu investieren. Für die ökonomische
Wende in Mittel- und Osteuropa gibt es die Formel
der freien Marktwirtschaft. Und es gibt auch die materielle, soziale
Unterstützung. Der
freie Handel muss und wird neues Vertrauen schaffen.
Wir sind aber nicht nur wirtschaftlich
herausgefordert. Wir sind vor allem herausgefordert durch Kulturkonflikte.
Ueberall auf diesem Kontinent, wo der diktatorische Druck gewichen ist,
flammen Kulturkonflikte auf.
Sprachkulturen prallen aufeinander. Religionszugehörigkeiten
führen zu Konflikten. Abgrenzungen früherer imperialistischer
Willkür brechen auf. Völker stehen gegen Völker, Republiken
gegen Republiken.
Die Geschichte
holt Europa ein. Und wir sind konsterniert. Das hatten wir nicht erwartet
nach all den friedlichen Revolutionen. Wir versuchen, die Brände zu
löschen. Wir versuchen ebenso, uns nicht wieder in die geistige und
geographische Engräumigkeit früherer Jahrhunderte zu verlieren.
Diese zweite Herausforderung macht mich nicht so
zuversichtlich. Es fehlen uns die griffigen Rezepte. Wahrscheinlich gibt
es auch gar keine Rezepte,
die man den Republiken und Regionen modellartig überstülpen könnte.
Wahrscheinlich braucht es auch Geduld, braucht es Zeit. Aber Zeit und Geduld
haben nie genügt, um die Europäer
zu befreien und zu einigen. Es braucht mehr.
Gefordert sind unsere Phantasie und unser Einsatz,
um die Konflikte, die uns kulturell, politisch und menschlich erschüttern,
auf friedliche Weise zu lösen. Ich weiss, ein Schweizer hat gut reden.
Unser Land hatte 700 Jahre Zeit, um zur funktionierenden, multikulturellen
Demokratie heranzuwachsen. In der langen Zeit, die wir zur Verfügung
hatten, ging es nicht immer friedlich zu. Es gab Bedrohungen und kriegerische
Auseinandersetzung. Auch davon weiss diese Wiese aus alter und neuer Zeit
zu berichten.
Aber wir haben geschichtliche
Erfahrung gesammelt im Umgang miteinander. Wenn ich sage miteinander,
dann meine ich mit den verschiedenen Sprachkulturen, Religionszugehörigkeiten
und Nationalitäten in unserem Land.
Wir sind heute stolz darauf, eine funktionierende
multikulturelle Demokratie zu sein. Dieser Stolz aber ist eine Verpflichtung:
Es ist die Verpflichtung, in
Europa aktiv und mit grossem Einsatz mitzuwirken an der Lösung
der gewaltigen Probleme, mit denen unser Kontinent konfrontiert ist.
Ich erlaube mir hier - vor unseren europäischen
Gästen - auch selbstkritisch zu sein: Noch sind wir Schweizer sehr
auf uns selbst bedacht. Noch sind wir zu wenig herausgetreten aus der Rolle
der scheinbar nicht betroffenen, der verschonten Nation.
Wirtschaftlich sind wir internationaler als viele
andere Nationen. Politisch sind wir aber immer noch zu passiv. In Jugoslawien
bricht ein Vielvölkerstaat auseinander, unter schrecklichen Bürgerkriegswirren.
Die Schweiz ist ein Vielvölkerstaat. Was haben wir Jugoslawien bis
jetzt an Rat und Tat angeboten? Wäre es nicht die edelste Aufgabe
unserer vielkulturellen Diplomatie, Lösungen
zu erarbeiten und anzubieten? Gehören jetzt nicht Schweizer Staatsrechtler
und Völkerrechtler, Schweizer Diplomaten und politische
Konfliktlöser an die europäische Front in Jugoslawien? Noch
bieten wir zu wenig an von unserer Erfahrung, von unserem Erfolg, auch
von unserem international erworbenen materiellen Erfolg.
Aber ich weiss, dass wir auf dem Weg sind, eine
wahrhaft
europäische Nation zu werden. Ich weiss, dass wir mitfühlen
mit den problembeladenen Nationen. Ich weiss, dass wir uns mehr und mehr
engagieren mit unserer ganzen Kraft und mit der ganzen Sensibilität.
Das Schweizer Volk ist nicht eigennützig. Es
ist zu Solidarität fähig, zu grosser Hingabe und zu echter Freundschaft.
Auf dem Rütli wurde vor 700 Jahren der Grundstein
gelegt zu unserem Bund der Eidgenossen. Das Rütli muss auch in dieser
Zeit zum Ausgangspunkt werden für eine moderne europäische Schweiz.
Wenn es uns mit dem Rütli ernst ist, dann nehmen wir heute die Herausforderung
an, wieder eine entschlossen handelnde, eine europäisch
handelnde Schweiz zu werden.
Wir stehen zu diesem Land, und wir lieben es.
Ich danke Ihnen.