Ulrich Bremi, Präsident
des Nationalrates, Rütli, 1. August 1991
Liebe Mitbürgerinnen
und Mitbürger,
sehr
verehrte Damen und Herren Ratspräsidentinnen und Ratspräsidenten
aus Europa,
liebe
Kolleginnen und Kollegen aus der Schweizer Politik,
Cordial
bainvegni sin quest prà istoric al Lai dad Uri nua ch'il pievel
svizzer è parti avant 700 onns sin ses viadi lung e cun success.
In grond engraziament che Vus essas vegnids oz sin il prà dal Rütli
per partir sin in nov traget da nossa via.
Su
questa storica radura ehe guarda il lago dei Quattro Cantoni porgo a tutti
voi cordialmente il benvenuto. E' da questo sito che 700 anni or sono prese
avvio il lungo e fecondo cammino del popolo svizzero e oggi ringrazio Voi
per esservi tornati ad abbozzarne un nuovo tratto.
Sur
cette prairie historique du Lac d'Uri, je vous adresse une cordiale bienvenue
à tous. C'est à partir d'ici que le peuple suisse a commencé,
voici 700 ans la longue marche, couronnée de succès. Je vous
remercie de vous être rendus sur cette prairie pour commencer une
nouvelle étape.
Was ist das Rütli
für uns? Es war vor 700 Jahren der Ort des Aufbegehrens und des Aufbruchs.
Es ist der Ausgangspunkt unserer eidgenössischen Geschichte. Von hier
aus ist die Schweiz entstanden, in ihrer Vielgestaltigkeit, in ihren Widersprüchen,
in ihren Kulturen, in ihrer einfachen republikanischen Tradition.
Das Rütli war nicht
Rückzug, sondern Ausgangspunkt. Ich sage das, weil ich der Ueberzeugung
bin, dass es auch heute nicht Rückzug sein kann. Es muss wieder Ausgangspunkt
sein, wieder für die Gestaltung unserer Zukunft.
Es ist der Ort, von dem
aus wir aufbrechen. Es ist die alte
Quelle, aus der wir Kraft schöpfen für neue Ideen. Diesmal
tun wir es nicht in einer Nacht der Verschwörung, wir tun es im Licht
der schweizerischen Oeffentlichkeit und vor den Präsidenten aller
Parlamente der europäischen Nationen.
Sie, sehr geehrte Damen
und Herren Parlamentspräsidenten, beehren uns mit Ihrem Besuch in
diesem eigenwilligen Zentrum Europas. Sie sind gekommen, um unsere Geschichte
zu würdigen. Wir danken Ihnen dafür.
Ich kann Sie nicht alle
persönlich begrüssen. Stellvertretend aber will ich einen Namen
nennen, den Namen eines Symbols der Freiheit, der auf das Rütli passt:
Alexander Dubcek.
Sie, meine lieben Kolleginnen
und Kollegen aus schweizerischen und kantonalen Behörden sind hierher
gekommen, weil Sie die entscheidende Verantwortung in unserer Gegenwart
mittragen.
Euch, liebe Innerschweizer,
ganz besonders Euch, liebe Urner, danken wir, dass Ihr uns diese symbolische
Wiese bis heute erhalten habt.
Sie, liebe Schweizerinnen
und Schweizer, blicken heute auf das Rütli, weil Sie wissen wollen,
wohin wir aufbrechen. Wohin brechen wir auf?
Die Antwort kann nur lauten:
Europa.
Wenn ich Europa sage,
dann meine ich heute nicht nur den einen Teil, nicht Westeuropa! Ich meine
Europa als Ganzes: Sowohl das Europa der westeuropäischen Kulturen,
wie das Europa, das sich im Osten zu neuen Demokratien formt. Ich meine
Europa im Aufbruch und im Umbruch,
vom Atlantik bis zum Ural, vom Mittelmeer bis hoch in den Norden.
Wir Schweizer liegen eingebettet
in diesem Kontinent der Völker und der Kulturen. Zwar liegen wir nicht
in der Mitte. Aber wir liegen im Herzen. Beim Menschen liegt das Herz ja
auch nicht in der Mitte.
Unser Kontinent fordert
uns alle heraus, auch die Schweiz. Er fordert uns erstens wirtschaftlich
heraus. In diesem Punkt bin ich recht zuversichtlich. Die Völker Mittel-und
Osteuropas sind bereit - unter Entbehrungen, mit Kraft und mit Würde
- ihr Schicksal anzupacken und es nachhaltig zu verändern. Und die
Nationen Westeuropas sind bereit, Hilfe zu leisten und auch zu investieren.
Für die ökonomische Wende in Mittel- und Osteuropa gibt es die
Formel der freien Marktwirtschaft.
Und es gibt auch die materielle, soziale Unterstützung. Der
freie Handel muss und wird neues Vertrauen schaffen.
Wir sind aber nicht nur
wirtschaftlich herausgefordert.
Wir sind vor allem herausgefordert durch Kulturkonflikte. Ueberall auf
diesem Kontinent, wo der diktatorische Druck gewichen ist, flammen Kulturkonflikte
auf.
Sprachkulturen prallen
aufeinander. Religionszugehörigkeiten führen zu Konflikten. Abgrenzungen
früherer imperialistischer Willkür brechen auf. Völker stehen
gegen Völker, Republiken gegen Republiken.
Die
Geschichte holt Europa ein. Und wir sind konsterniert. Das hatten wir
nicht erwartet nach all den friedlichen Revolutionen. Wir versuchen, die
Brände zu löschen. Wir versuchen ebenso, uns nicht wieder in
die geistige und geographische Engräumigkeit früherer Jahrhunderte
zu verlieren.
Diese zweite Herausforderung
macht mich nicht so zuversichtlich. Es fehlen uns die griffigen Rezepte.
Wahrscheinlich gibt es auch gar keine
Rezepte, die man den Republiken und Regionen modellartig überstülpen
könnte. Wahrscheinlich braucht es auch Geduld, braucht es Zeit.
Aber Zeit und Geduld haben nie genügt, um die Europäer
zu befreien und zu einigen. Es braucht mehr.
Gefordert sind unsere
Phantasie und unser Einsatz, um die Konflikte, die uns kulturell, politisch
und menschlich erschüttern, auf friedliche Weise zu lösen. Ich
weiss, ein Schweizer hat gut reden. Unser Land hatte 700 Jahre Zeit, um
zur funktionierenden, multikulturellen Demokratie heranzuwachsen. In der
langen Zeit, die wir zur Verfügung hatten, ging es nicht immer friedlich
zu. Es gab Bedrohungen und kriegerische Auseinandersetzung. Auch davon
weiss diese Wiese aus alter und neuer Zeit zu berichten.
Aber wir haben geschichtliche
Erfahrung gesammelt im Umgang miteinander. Wenn ich sage miteinander,
dann meine ich mit den verschiedenen Sprachkulturen, Religionszugehörigkeiten
und Nationalitäten in unserem Land.
Wir sind heute stolz darauf,
eine funktionierende multikulturelle Demokratie zu sein. Dieser Stolz aber
ist eine Verpflichtung: Es ist die Verpflichtung, in
Europa aktiv und mit grossem Einsatz mitzuwirken an der Lösung
der gewaltigen Probleme, mit denen unser Kontinent konfrontiert ist.
Ich erlaube mir hier -
vor unseren europäischen Gästen - auch selbstkritisch zu sein:
Noch sind wir Schweizer sehr auf uns selbst bedacht. Noch sind wir zu wenig
herausgetreten aus der Rolle der scheinbar nicht betroffenen, der verschonten
Nation.
Wirtschaftlich sind wir
internationaler als viele andere Nationen. Politisch sind wir aber immer
noch zu passiv. In Jugoslawien bricht ein Vielvölkerstaat auseinander,
unter schrecklichen Bürgerkriegswirren. Die Schweiz ist ein Vielvölkerstaat.
Was haben wir Jugoslawien bis jetzt an Rat und Tat angeboten? Wäre
es nicht die edelste Aufgabe unserer vielkulturellen Diplomatie, Lösungen
zu erarbeiten und anzubieten? Gehören jetzt nicht Schweizer Staatsrechtler
und Völkerrechtler, Schweizer Diplomaten und politische
Konfliktlöser an die europäische Front in Jugoslawien? Noch
bieten wir zu wenig an von unserer Erfahrung, von unserem Erfolg, auch
von unserem international erworbenen materiellen Erfolg.
Aber ich weiss, dass wir
auf dem Weg sind, eine
wahrhaft
europäische Nation zu werden. Ich weiss, dass wir mitfühlen
mit den problembeladenen Nationen. Ich weiss, dass wir uns mehr und mehr
engagieren mit unserer ganzen Kraft und mit der ganzen Sensibilität.
Das Schweizer Volk ist
nicht eigennützig. Es ist zu Solidarität fähig, zu grosser
Hingabe und zu echter Freundschaft.
Auf dem Rütli wurde
vor 700 Jahren der Grundstein gelegt zu unserem Bund der Eidgenossen. Das
Rütli muss auch in dieser Zeit zum Ausgangspunkt werden für eine
moderne europäische Schweiz.
Wenn es uns mit dem Rütli ernst ist, dann nehmen wir heute die Herausforderung
an, wieder eine entschlossen handelnde, eine europäisch
handelnde Schweiz zu werden.
Wir stehen zu diesem Land,
und wir lieben es. Ich danke Ihnen.