Weapon matters


10.Apr 11    Geschäft mit der Kriegslist, NZZ am Sonntag, Klaus-Helge Donath




NZZ am Sonntag    10. April 2011,

Geschäft mit der Kriegslist
Klaus-Helge Donath, Moskau

Russische Waffenattrappen stossen im Rüstungsmarkt auf rege Nachfrage. Eine Moskauer Firma stellt völlig neuartige, ultraleichte Waffen her. Es handelt sich um aufblasbare Attrappen, mit denen der Feind getäuscht wird.
Das unternehmerische Erfolgsgeheimnis Alexander Talanows beruht auf einem Satz aus der Kriegskunst des chinesischen Meisters Sun. «Chu qi zhi sheng», auf Deutsch: «Aussergewöhnliches erzeugen und so den Sieg erringen», empfahl Chinas Stratege im 8. Jahrhundert. Im Krieg und in der Liebe ist jede List ausdrücklich erlaubt. Alexander Talanow studierte in der Sowjetunion Raketenbau, inzwischen ist der Moskauer Unternehmer neben dem russischen Verteidigungsministerium Besitzer des grössten Waffenarsenals des Landes.

Zu Talanows Kriegsmaterial gehören Kampfjets vom Typ MiG, Panzer aus der T-Reihe, Truppentransporter, Haubitzen und S-300-Raketenabwehrsysteme. Im Unterschied zur Armee braucht der Waffenhersteller für das schwere Gerät indes nur wenig Stellplatz. Talanows Kriegsgerät ist faltbar und schnell an jeden Einsatzort zu transportieren. Selbst das riesige Raketenabwehrsystem S-300 ist leicht dislozierbar. Eine Viertelstunde reicht, um mit Hilfe einer elektrischen Pumpe aus einem schlaffen Rumpf ein pralles, luftgestütztes Raketen-Ensemble zu zaubern.

Die Firma Rusbal (Russischer Ballon) hat sich auf Attrappen spezialisiert. Die Idee kam dem Rüstungsexperten Anfang der neunziger Jahre. Die Sowjetunion war zusammengebrochen, und der Armee ging das Geld für echte Hardware aus. Bis dahin hatte der begeisterte Ballonfahrer Talanow nur Heissluftballons hergestellt. Daher auch der Firmenname Rusbal. Die ersten Attrappen wurden noch aus Gummi geklebt, inzwischen verarbeiten die 50 Näherinnen in der Rüstungs-Schneiderei im Dorf Chotkowo bei Moskau den erheblich leichteren Stoff Oxford-420. Das ist ein extrem strapazierfähiges Baumwollgewebe in den Farben Olivgrün und Kaki.

Rusbal ist Monopolist für Waffenattrappen in Russland. Diese Stellung birgt indes auch Nachteile. Die Herstellung unterliegt der Geheimhaltung. «Über Menge und Preis der Lieferungen an das Verteidigungsministerium darf ich nichts sagen», schmunzelt Talanow. Nur das Gewicht der Faltprodukte ist kein Geheimnis. Ein MiG-Kampfflieger bringt es auf 250, ein Panzer auf 90 Kilogramm. Den echten Waffen sehen die aufblasbaren täuschend ähnlich. Dafür sorgen Dozenten der Moskauer Militärakademie, die die Designer auf dem neuesten Stand der Entwicklung halten. Im Krieg gegen Georgien 2008 sollen die Attrappen die feindliche Abwehr erfolgreich getäuscht haben, berichtete zumindest die russische Presse. Auch dazu darf Talanow keine näheren Angaben machen. Um dem gegnerischen Radar Echtheit vorzugaukeln, werden Metallstreifen in die Objekte eingearbeitet, und manche werden auch mit Wärmezellen versehen.

Talanow ist zuversichtlich: Der Übergang zur modernen unbemannten Kriegführung verheisse luftgefüllten Waffen Wachstumsraten und eine einträgliche Zukunft. «Drohnen und deren Sensoren sind leichter zu täuschen als das menschliche Auge», sagt er. Auch das Ausland bekundete grosses Interesse an seinen Attrappen, vor allem Staaten aus dem Mittleren Osten seien vorstellig geworden, erzählt Talanow. Der staatliche russische Waffenexporteur Rosoboroneksport untersagt jedoch den Attrappenhandel. In Russland ist es einfacher, mit echten Waffen zu handeln, als mit deren Imitationen. Aus gutem Grund vielleicht, denn bei Manöverübungen fielen selbst russische Militärs auf die eigenen Luftnummern herein.

Seit der Wirtschaftskrise sind jedoch auch die Bestellungen der russischen Armee gesunken. Nur noch ein Drittel der Einnahmen von Rusbal stammt zurzeit von dort. Den Grossteil seines Umsatzes erwirtschaftet Rusbal mit Hüpfburgen, Spielgeräten und allerlei Reklameobjekten. Auf diesem Gebiet trifft das Unternehmen auf härteste Konkurrenz aus China, die Meister Suns Empfehlung in den Wind schlägt. Sie kopiert nämlich, statt Aussergewöhnliches zu produzieren.