NZZ Online    4. Januar 2006

Gläubiger müssen 223 Millionen ans Bein streichen
SLT-Liquidation abgeschlossen

Die Liquidation der Spar- und Leihkasse Thun (SLT) ist bald 15 Jahre nach der Pleite der Bank abgeschlossen. Insgesamt wurde den Gläubigern 899 Millionen Franken zurückbezahlt. Schulden von 223 Millionen Franken konnten dagegen nicht bedient werden, wie die Liquidatorin am Mittwoch in Thun mitteilte
      (ap) Seit der Schalterschliessung im Oktober 1991 wurden 467 Mio. Fr. an pfandgesicherte und privilegierte Gläubiger, 86 Mio. Fr. an Kleingläubiger und 346 Mio. Fr. an 5. Klass-Gläubiger überwiesen. Der Verlust der 5. Klass-Gläubiger hätte nach Angaben der Liquidatorin 258 Mio. Fr.  betragen, konnte aber auf 223 Mio. Fr. reduziert werden.
    Grund dafür ist, dass einerseits diejenigen Banken, welche an den betroffenen Anleihen der Emissionszentrale schweizerischer Regionalbanken beteiligt waren, die Haftung für die nachrangigen Anleihen im Umfang von 15,5 Mio.  Fr. übernahmen. Andererseits bevorschussten die Banken im Rahmen der Einlegerschutzkonvention der Schweizerischen Bankiervereinigung den Ausfall auf Spareinlagen und weiteren Kontoarten bis 30'000 Fr. mit einer Summe von 19,4 Mio. Franken. SLT-Hauptgläubiger sind die Emissionszentrale schweizerischer Regionalbanken und die Schweizerische Bankiervereinigung.
    Von der Pleite betroffen waren rund 5.000 Kleingläubiger. Die 5. Klass-Schulden der SLT betrugen per Verfahrensende 240,79 Mio. Franken. Zur Deckung dieses Betrages standen Nettoaktiven von 17,3 Mio. Fr. zu Verfügung. In Anrechnung bereits früher ausbezahlter Beträge beläuft sich die Gesamtdeckung damit auf 60,7 Prozent. Die Schlusszahlungen an die 5. Klass-Gläubiger waren bereits Mitte Dezember erfolgt.
    Einzelne Gläubiger blieben für die Auszahlung der Dividenden unerreichbar, wie die Liquidatorin weiter mitteilte. Die von diesen Gläubigern nicht erhobenen Beträge - nach Ablauf des zehnjährigen Depositionsverfahrens dürfte es sich um 100'000 bis 300'000 Franken handeln - sollen der Stadt Thun sowie den Gemeinden Spiez und Saanen überwiesen werden. Diese hatten nach dem Zusammenbruch der SLT verschiedene soziale Härtefälle zu tragen.
    Über die ganze Liquidationsdauer gesehen überstieg der ordentliche Betrag den Betriebsaufwand, woraus ein positives Betriebsergebnis von 2,467 Millionen Franken resultiert. Die während der Liquidation angefallenen Kosten von knapp 20 Millionen Franken sind damit gedeckt. Zusammen mit ausserordentlichen Erträgen ergibt sich ein Gesamtsaldo von 43,7 Mio. Franken, diesem stehen notleidende Kredite von 441,8 Mio. Fr. gegenüber. Das negative Ergebnis beträgt somit 498,97 Mio. Franken.



NZZ Online    4. Januar 2006

Schlussstrich unter Bankenpleite
Liquidation der Spar- und Leihkasse Thun abgeschlossen

Der Zusammenbruch der Spar-und Leihkasse Thun vor 15 Jahren führte der Schweiz drastisch die Krise der Regionalbanken vor Augen. Nach einem langwierigen Verfahren liegt heute endlich der Schlussbericht zur Liquidation vor.
Von  Urs Holderegger

    Der 3. Oktober 1991 war für die Schweizer Bankenwelt im Kleinen, was zehn Jahre später das Swissair-Grounding für das ganze Land im Grossen war. Die Bilder mit verzweifelten Sparern, die vor den geschlossenen Schaltern der Spar- und Leihkasse Thun (SLT) um ihre Einlagen bangten, gingen um die ganze Welt, der Imageschaden war beträchtlich.

Kollaps nach 125-Jahr-Feier
    Nur wenige Monate vor dem Kollaps hatten die SLT-Verantwortlichen noch stolz ihr 125-Jahr-Jubiläum gefeiert und betont, dass man als zweitgrösste Bank des Berner Oberlandes auf Qualität setze und dank einer guten Abschreibungspolitik über einen sauberen Tisch verfüge. Keine fünf Monate später musste die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) das Institut schliessen.
    Unbegreiflich aus heutiger Sicht ist, dass keine der angefragten Grossbanken die nur 70 Personen beschäftigende SLT übernehmen wollte. Die Bank sei zu sehr heruntergewirtschaftet, liessen die Grossbanken nach kurzer Prüfung verlauten. Der Imageschaden, der der ganzen Schweizer Bankenwelt aus dem Zusammenbruch der kleinen Regionalbank erwuchs, stand in keinem Verhältnis zu den finanziellen Mitteln, die bei einer Übernahme des maroden Instituts hätten eingesetzt werden müssen.

Immobilienkrise führte zum Bankencrash
    Der Kollaps der SLT muss im Zusammenhang mit der damaligen Immobilienkrise gesehen werden. Auch die SLT war bei der Belehnung von Immobilien ein allzu grosses Risiko eingegangen. Die Folge: für die hohen Wertberichtigungen reichten die Reserven nicht mehr aus. Zudem zeigten sich bei einer ersten Untersuchung erschreckende Organisationsmängel.
    Am 18. Oktober 1991 setzte die EBK eine Liquidatorin ein und verfügte den endgültigen Bewilligungsentzug. Die zumeist aus der Region Thun stammenden Spar- und Lohnkontogläubiger mussten sich noch bis Januar 1993 gedulden. Die letzte Auszahlung an die rund 6300 Gläubiger der 5. Klasse erfolgte erst im Dezember 2005. Diese erhielten insgesamt  60,7% ihrer ursprünglichen Guthaben bei der Bank zurück. Insgesamt wurde allen Gläubigern 899 Mio. Fr. zurückbezahlt. Schulden von 223 Mio. Fr. konnten dagegen nicht bedient werden.

Gesundungsprozess
    Das Fiasko von Thun sorgte trotz weiteren dramatischen Vorkommnissen bei Regional- und Kantonalbanken auf mehreren Ebenen für einen Gesundungsprozess in der Branche. So wurden im Interesse des Gläubigerschutzes die Vorschriften zur Rechnungslegung ausgebaut, die Eigenmittelvorschriften verschärft sowie die Einflussmöglichkeiten der EBK auf die Revisionsstellen verbessert.
    Auch der Markt reagierte rasch auf die Regionalbankenkrise. Innert zehn Jahren reduzierte sich die Zahl der Regionalbanken von 204 auf 103 Institute im Jahr 2000. 53 der heute noch 83 existierenden Regionalbanken sind unter dem Dach der im September 1994 gegründeten RBA-Holding zusammengeschlossen.

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  Schweiz: Mehr Schutz bei Bankenpleiten
  Banken: Lektion gelernt
  SLT-Pleite: Dornenvolle Verantwortlichkeitsprozesse



nzz.ch     5. January 2006

A Thun regional bank has been liquidated 14 years after it went bust,
depriving over 6,000 depositors of more than a third of their savings.
  Thun bank collapse is finally settled
   Swissinfo with agencies

    The Savings and Loan Bank in Thun (SLT) was forced to close down in 1991 to the consternation of the Swiss banking world. Its closure led to major changes in the financial landscape. Nearly SFr900 million ($685 million) has been returned to creditors but a further SFr233 million will not be paid out, said the liquidators.
     The bankruptcy affected some 5,000 small creditors. Large creditors included the Swiss Bankers Association. The liquidators said that a number of those owed money could not be reached to receive a settlement. They added that unclaimed money would eventually be transferred to the town of Thun as well as to the local authorities in Spiez and Saanen, which were left to deal with a number of hardship cases caused by the bank's collapse.

Sea change
    The Swiss Federal Banking Commission's decision to close SLT branches and cash machines on October 3, 1991 sent a shudder through the banking sector. It led to a new law on bank insolvency and increased depositor protection. The move also speeded up restructuring of regional banking.
    The sector's umbrella organisation put together a new concept with the motto "autonomous in the front, cooperation in the back office". It founded a new association called RBA-Holding, which was to oversee the restructuring efforts of member banks. "The regional banks could remedy their structural weakness with the help of the umbrella organisation," Professor Beat Bernet of St Gallen University said.
     According to analysts, thanks to this new way of doing business, the banks were able to weather the storm. Hans Geiger, a professor at Zurich University, called the concept a "good achievement". "The banks did their homework," he added.

Less drama
    Bernet stressed that one could never rule out the collapse of a bank. However, should such an event take place today, "the consequences for the customers would be less dramatic".
     One change in the law after the collapse of the Thun bank was that deposits up to SFr5,000 would be paid out immediately in the event of a bank's liquidation. Also the culture of risk management had developed since the 1990s.
     The Banking Commission has increased its supervisory role, according to Bernet. "Today the Commission without a doubt employs a much stricter regime with the small banks," he said.