Lieber Herr Dietzi,

Eigentlich dürfte es Sie nicht überrascht haben, dass ich mich erneut an Sie wandte - auch andere Kaliber, wie Luqman Arnold, hatten und haben ihre Gründe, um sich in besonders struben Zeiten gerade nicht an die Hierarchie zu halten. Und wer die Chance hat, mit Blick auf vivant sequentes Inventar zu machen und aufzuräumen, sieht sich ohnehin nicht gehalten, Aufgaben in vermeintlichen Grenzen anzugehen und Stumpen- oder ausgeleierte Geleise zu befahren.

Wie erinnerlich fand in den 80er Jahren ein nachhaltiger und immer verheerender wirkender Paradigmawechsel im Bankenwesen statt. D.h. die bis dahin vorrangigen Schutz-, Treuhands- und Dienstbarkeits-Funktionen gegenüber den privaten und kommerziellen Kunden wichen zusends den Erfordernissen der Superdeals, welche als effizienz-steigernd hochgejubelt worden sind, sich allzuoft aber dadurch auszeichneten, dass sie gesunde Produktionssubstanz vernichteten, und nur immer obszönere Kommissionen, Managerlöhne und Boni abwarfen. Beispielhaft dafür waren die rücksichtslosen Raubzüge der hiesigen und ausländischen "shareholder"-Apologeten KKR und ihrer lokalen Zudiener. Die bis dahin weltweit grösste, mit "junk bonds" finanzierte LBO-Fusion war der $25 Milliarden-schwere RJR/Nabisco-Deal, welcher eine hierzulande vom Bankverein platzierte CHF200 Mio Obligation gefährdete. Entweder war wesentlich das gesamte Bankverein-Management am Steuer eingenickt. Oder aber gewisse SBVler verniedlichten diese Gefährdung der eigenen Obligationäre unter Verletzung ihrer vorrangigen Treuhandpflichten - geblendet durch die lockenden Fusions-Kommissionen und Risikosuperprämien. Auf diesem Hintergrund, und in dem von Ihnen angesprochenen Sinne der übergreifenden Interessen nicht nur des Bankvereins sondern des Finanzplatzes Schweiz insgesamt, sahen Sie sich trotz starkem Gegenwind veranlasst, die damaligen Grünschnäbel, Zauberlehrlinge und SBV-Heckenschützen verdienstvollerweise zu neutralisieren. Denn damit gelang es uns - d.h. meinen langjährigen Waffenkameraden und Mitstreitern unter den hiesigen Banquiers, Gewerblern & Industriellen und mir - jene aufsehen-erregende Lebensfett-Absaugung durch die KKR-Heuschrecken mittels gerichtlichen Fusionsverboten in Basel und Atlanta wenigstens soweit und solange zu blockieren, als die Schweizer Nabisco-Oblgationäre nicht vollumfänglich und bevorzugt abgesichert waren. Diese Anektote findet zwar keine Erwähnung in dem einschlägigen Buch "Barbarians at the Gate". Und der in ihrem Interesse erfolgte diskrete aber durchschlagend erfolgreiche Sonderaufwand ist den meisten Betroffenen auch gar nicht ins Bewusstsein gedrungen - in echt schweizerischer Bankentradition. Aber für derzeitige und künftige Dietzis scheint es dennoch hilfreich zu sein, jene Umstände anerkennend in Erinnerung zu rufen - auch und besonders gegenüber den nachkommenden Kräften, welche mit der Aufräumung und Vermeidung weiterer Scherbenhaufen betraut sind.

Jedenfalls besten Dank für Ihre - im Gegensatz zu gewissen UBS-Verantwortlichen - wohlwollende Prüfung meiner Anregung, die FINMAG-Vorlage im Lichte der neueren und neuesten Erkenntniss nochmals auf ihre Zweckmässigkeit und Genügsamkeit zu überprüfen (www.solami.com/FINMAG.htm) - sine ire et studio, etwa im Sinne der Erwägungen von Jean-Claude Péclet: "Alors que la Suisse met en place une autorité intégrée des marchés financiers, il est grand temps de se demander si celle-ci a les ambitions intellectuelles et le cahier des charges dun gendarme de province, ou si elle veut contribuer par une action proactive à ce que la population soit moins otage des «risques systémiques»." (Le "risque systémique", c'est si pratique", Le Temps, 31.3.08; siehe auch: .../capitalism.htm). Auch habe ich volles Verständnis für Ihre derzeitige Zurückhaltung. Kommt dazu, dass bekanntlich "der Mist schon gefahren ist", d.h. die Novelle vom Parlament bereits verabschiedet ist und am 1.1.09 in Kraft treten soll. Dennoch, mit Luther bin ich geneigt zu sagen, "hier steh' ich, ich kann nicht anders."

Meine privaten Temperaturmessungen unter sachverständigen Parlamentariern haben denn auch im ganzen politischen Spektrum eine überraschend ermutigende Bereitschaft zutage gefördert, das allseits als mangelhaft empfundene Paket gegebenenfalls nochmals aufzuschnüren und entsprechend den neuesten Erkenntnissen nachzubessern (siehe auch WAK N-Pressemeldung vom 15.4.08, welche im Sinne der auch von linker Seite angestrebten Nachbesserung noch vor der geplanten FINMAG-Inkraftsetzung am 1.1.09 bereits von "gesetzgeberischem Handlungsbedarf" spricht). Dies insbesondere bezüglich
-    des Zweckartikels (Erfassung und Bekämpfung der System-Risiken, Ursachenerforschung, etc.),
-    des privatrechtlichen Beizugs der weltweit fähigsten Sachverständigen,
-    der unverhältnismässigen und selbst-schädigenden Belastung dieses vorrangigen Aufsichtsgremiums mit der sachfremden und bedenklich medien-trächtigen Überwachung der Massnahmen zur Bekämpfung der Geldwäscherei (siehe dazu meine Ausführungen an die Mitglieder der Eidg. Räte: .../aufsicht.htm#ablenken),
-    der Überprüfung einschlägiger nationaler und internationaler Leitplanken für Banquiers, Finanzfachleute und Pensionskassen-Manager (Pensionskassengesetz: .../aufsicht.htm#Noven, resp. FATF/GAFI: .../diamantball.htm), und
-    der wirksamen Unterbindung "willfähriger" (PUK-Zitat!) Rechtshilfe in Strafsachen, insb. gegenüber USA, sowie der Gewährleistung der Verfassungsmässigkeit der Zusammenarbeit schweizerischer Amtsstellen mit ausländischen Behörden im Finanz- und Fiskalbereich (.../schubarth.htm), z.B.  mittels Reaktivierung der Beratenden Kommission welche zum Schutz schweizerischer Interessen und Souveränitätsrechte im CH/US-Rechtshilfeabkommen von 1973 ausdrücklich festgeschrieben ist (.../rechtshilfe.htm | .../rechtsbeihilfe.htm | .../CH-USA.htm | .../RUSSIA.htm#option).

Für einige weiterleitende grundsätzliche Fragen, Erwägungen und Anregungen verweise ich auf mein Schreiben an interessierte Mitglieder der Eidg. Räte vom 4.April 2008:
    Unsere FINMAG-Verbesserungsvorschläge "sind entstanden auf dem Hintergrund einer langjährigen Beobachtung unserer sehr speziellen Rechtshilfebeziehungen mit den USA (.../rechtsbeihilfe.htm) und  in Zusammenarbeit mit bestausgewiesenen und in erster Linie auf unsere Landesinteressen bedachten Sachkenner und Gutachter (.../schubarth.htm). Sie sind dann zwar erfolgreich aber weder sachdienlich noch sonstwie gerechtfertigt hintertrieben worden. Und zwar von damaligen Bannerträgern und ihren Befehlsempfängern in der Bankiervereinigung.
    Ich denke dabei nicht nur an den mittlerweile zum Imperativ gewordenen Vorschlag einer pro-aktiven, ja prophilaktischen Erfassung und Ausräumung von bestehenden und neuartigen Systemrisiken. Einige der schon im Rahmen meiner Kritik an der Fusion SBV-SBG vorgetragenen Erkenntnisse über grundsätzliche Fehlentwicklungen im Finanzsektor (.../ubs.htm#Titanic) könnten sich bei der Bewältigung der auf uns zukommenden Probleme als besonders hilfreich erweisen. Die damit angeregte Neuprüfung der Anlagekriterien, Produktansprüche und Managerrichtlinien für Pensionskassengelder könnte u.U. auch auf einem Parallelgleis erfolgen (hier geht es um die in den 80er Jahren zuwenig bedachten Schweizer Noven - .../ubs.htm#effets - welche weltweit übernommen worden sind, scheinbar wesentlich zum derzeitigen Finanzmarkt-Debakel beigetragen haben, und sich damit für einschlägige Schweizer Korrekturimpulse erfolgversprechend anbieten). Zu denken ist auch an die überfällige Reaktivierung der im US/CH-Rechtshilfeabkommen von 1973 ausdrücklich verankerten Beratenden Kommission zum Schutz schweizerischer Interessen und Souveränitätsrechte vor allzu eilfertiger Rechtshilfe unsererseits (.../oehenkopp.htm), sowie gegen missbräuchliche Beanspruchung der Rechtshilfeinstrumente durch amerikanische Dienststellen (.../walderbsi.htm).
    Und zugunsten der realen Inlandwirtschaft gilt es natürlich auch die neue Finanzmarktaufsichtsbehörde nicht von ihrer Kernaufgabe abzulenken, schon gar nicht durch systemwidrige und zudem gesellschaftlich, politisch und wirtschhaftlich bedenkliche Polizeifunktionen à la amerikanische Prohibition und Goldbesitzverbot (z.B. durch Anti-Geldwäscherei-Aktivismus hinter dem sich erfahrungsgemäss wesentlich fremddiktierte und in erster Linie fremden Herren dienende Anti-Drogen-, Anti-Terror- und neutralitätswidrige Sanktionen-Politiken verstecken lassen). Dies wäre umso weniger akzeptierbar, als die 31% QI-Regelung [.../QI.htm | .../stammsbv.htm] die amerikanische Steuerbehörde zur weltgrössten Geldwaschmaschine gemacht hat, das US Treasury sich dazu auf ein Netz von weltweit über 2600 vertraglich gebundene Bankinstitute stützen kann, und als auf diesem Weg, nach übereinstimmenden Expertenschätzungen, von den jährlich global anfallenden $1000-2500  mindestens $500 Mia "Schwarzgeld" der "weissen" Wirtschaft zurückgeführt werden sollen - z.B. via hedge funds, private equity & subprime credits, wen wunderts?"

Mit besten Wünschen für Ihre Gesundheit und für Ihre weitergehenden Bemühungen zum Schutz und zur Förderung des Finanzplatzes Schweiz und des common good.

Anton Keller, Sekretär, Schweizer Investorenschutz-Vereinigung
cp.2580        1211 Genève 2        022-7400362    079-6047707    swissbit@solami.com

(url: www.solami.com/dietzi.htm)