In agro dominico 1
Bulle Johanns
XXII. vom 27. März 1329,
in welcher 28 Artikel Meister Eckharts verdammt werden.
Dehein boge sô guot ist,
man müge in spannen, biz er brist.
Freidank,
S. 138/139 |
Solch starken Bogen gibt es nicht,
daß Überspannung ihn nicht bricht.
Freidank108,1 |
|
|
Faksimile der Pergamenturkunde, Rom, Arch. Vaticano, A.A. arm. I-XVIII,
n. 3226
Quelle: homo doctus - homo sanctus[Stadtmuseum,
S. 66]
|
Iohannes
episcopus, servus servorum Dei ad perpetuam rei memoriam.
Johannes, Bischof, Knecht der Knechte Gottes, zum ewigen
Gedächtnis.
In agro dominico, cuius dispositione superna licet immeriti
sumus custodes et operarii, oportet nos sic vigilanter et prudenter spiritualem
exercere culturam, ut, si quando in eo inimicus homo supra semen veritatis
zizania seminet, priusquam se in incrementa noxie pullulationis extollant,
prefocentur in ortu, ut enecato semine viciorum et spinis errorum evulsis
leta seges veritatis catholice coalescat.
Auf dem Acker des Herrn, dessen Hüter und Arbeiter
Wir nach himmlischer Verfügung, wenn auch unverdientermaßen,
sind, müssen Wir die geistliche Pflege so wachsam und besonnen ausüben,
daß, wenn irgendwann ein Feind auf ihm über den Samen der Wahrheit
Unkräuter sät, sie im Entstehen erstickt werden, bevor sie zu
Schößlingen verderblichen Keimens aufwachsen, damit, nachdem
der Same der Laster abgetötet und die Dornen der Irrtümer herausgerissen
sind, die Saat der katholischen Wahrheit fröhlich aufgehe.
[“In the field of the Lord over which we, though unworthy, are guardians
and laborers by heavenly dispensation, we ought to exercise spiritual care
so watchfully and prudently that if an enemy should ever sow tares over
the seeds of truth (Mt. 13:28), they may be choked at the start before
they grow up as weeds of an evil growth. Thus, with the destruction of
the evil seed and the uprooting of the thorns of error, the good crop of
Catholic truth may take firm root." http://www.ellopos.net/theology/papal/index.htm]
Sane dolenter referimus, quod quidam hiis temporibus
de partibus Theutonie, Ekardus nomine, doctorque, ut fertur, sacre pagine
ac professor ordinis fratrum Predicatorum, plura voluit sapere quam oportuit
et non ad sobrietatem neque secundum mensuram fidei, quia a veritate auditum
avertens ad fabulas se convertit. Per ilium enim patrem mendacii, qui se
frequenter in lucis angelum transfigurat, ut obscuram et tetram caliginem
sensuum pro lumine veritatis effundat, homo iste seductus contra lucidissimam
veritatem fidei in agro ecclesie spinas et tribulos germinans ac nocivos
carduos et venenosos palliuros producere satagens, dogmatizavit multa fidem
veram in cordibus multorum obnubilantia, que docuit quammaxime coram vulgo
simplici in suis predicationibus, que etiam redegit in scriptis.
[Vgl. J. Koch, S.
336].
Fürwahr, mit Schmerz tun Wir kund, daß in
dieser Zeit einer aus deutschen Landen, Eckhart mit Namen, und,
wie es heißt, Doktor und Professor der Heiligen Schrift, aus dem
Orden
der Predigerbrüder, mehr wissen wollte als nötig war, und
nicht entsprechend der Besonnenheit und nach der Richtschnur des Glaubens,
weil er sein Ohr von der Wahrheit abkehrte und sich Erdichtungen zuwandte.
Verführt nämlich durch jenen Vater der Lüge, der sich oft
in den Engel des Lichtes verwandelt, um das finstere und häßliche
Dunkel der Sinne statt des Lichtes der Wahrheit zu verbreiten, hat dieser
irregeleitete Mensch, gegen die helleuchtende Wahrheit des Glaubens auf
dem Acker der Kirche Dornen und Unkraut hervorbringend und emsig beflissen,
schädliche Disteln und giftige Dornsträucher zu erzeugen, zahlreiche
Lehrsätze vorgetragen, die den wahren Glauben in vieler Herzen vernebeln,
die er hauptsächlich vor dem einfachen Volke in seinen Predigten lehrte
und die er auch in Schriften niedergelegt hat.
Ex inquisitione siquidem contra eum super hiis auctoritate
venerabilis fratris nostri Henrici, Coloniensis archiepiscopi, prius facta,
et tandem auctoritate nostra in Romana Curia renovata, comperimus, evidenter
con stare per confessionem eiusdem Ekardi, quod ipse predicavit, dogmatizavit
et scripsit viginti sex articulos, tenorem, qui sequitur, continentes:
Aus der Untersuchung nämlich, die hierüber
auf Grund der Amtsbefugnis Unseres ehrwürdigen Bruders, Erzbischof
Heinrich
von Köln bereits früher gegen ihn durchgeführt und schließlich
auf Grund Unserer Amtsbefugnis in der römischen Kurie erneut vorgenommen
wurde, haben Wir erfahren, daß durch das Bekenntnis jenes Eckhart
zuverlässig feststeht, daß er sechsundzwanzig Artikel gepredigt,
gelehrt und geschrieben hat, welche folgenden Wortlaut erhalten:
Primus articulus (1)
(vgl. Votum
Art. 1)
Interrogatus quandoque, quare Deus mundum non prius produxerit,
respondit tunc, sicut nunc, quod Deus non potuit primo producere mundum,
quia res potest agere , antequam sit unde quamcito Deus fuit, tamcito mundum
creavit.
Einst befragt, warum Gott die Welt nicht früher
erschaffen habe, gab er damals, wie auch jetzt noch, die Antwort, daß
Gott nicht eher die Welt habe erschaffen können, weil nichts wirken
kann, bevor es ist. Darum: sobald Gott war, sobald hat er auch die Welt
erschaffen.
Secundus articulus (2)
(vgl. Votum
Art. 2)
Item, concedi potest mundum fuisse ab eterno.
Desgleichen kann zugegeben werden, daß die Welt
von Ewigkeit her gewesen ist.
Tertius articulus (3)
(vgl. Votum
Art. 3)
Item, simul et semel, quando Deus fuit, quando filium sibi coeternum
per omnia coequalem Deum genuit, etiam mundum creavit.
Desgleichen: Auf einmal und zugleich, als Gott war, da
er seinen ihm gleich ewigen Sohn als ihm völlig gleichen Gott erzeugte,
schuf er auch die Welt.
Quartus articulus (4)
(vgl. Votum
Art. 7)
Item, in omni opere, etiam malo - malo inquam tam pene quam culpe
- manifestatur et relucet equaliter gloria Dei.
Desgleichen: In jedem Werk, auch im bösen, im Übel
der Strafe ebensosehr wie im Übel der Schuld, offenbart sich und erstrahlt
gleichermaßen Gottes Herrlichkeit.
Quintus articulus (5)
(vgl. Votum
Art. 8)
Item, vituperans quempiam vituperio, ipso peccato vituperii laudat
Deum, et quo plus vituperat et gravius peccat, amplius Deum laudat.
Desgleichen: Wer jemanden mit einer Schmähung lästert,
lobt Gott durch eben diese Sünde der Schmähung; und je mehr er
schmäht und je schwerer er sündigt, um so kräftiger lobt
er Gott.
Sextus articulus (6)
(vgl. Votum
Art. 9)
Item, Deum ipsum quis blasphemando Deum laudat.
Desgleichen: Wer Gott selbst lästert, lobt Gott.
Septimus articulus (7)
(vgl. Votum
Art. 14)
Item, quod petens hoc aut hoc malum petit et male, quia negationem
boni et negationem Dei petit, et orat Deum sibi negari.
Desgleichen: Wer um dies oder jenes bittet, der bittet
um Übles und in übler Weise, weil er um die Verneinung des Guten
und um die Verneinung Gottes bittet, und er betet darum, daß Gott
sich ihm versage.
Octavus articulus (8)
(vgl. Votum
Art. 15)
Qui non intendunt res nec honores nec utilitarem nec devotionem
internam nec sanctitatem nec premium nec regnum celorum, sed omnibus hiis
renuntiaverunt, etiam quod suum est, in illis hominibus honoratur Deus.
Die nach nichts Trachten, weder nach Ehren noch nach
Nutzen noch nach innerer Hingabe noch nach Heiligkeit noch nach Belohnung
noch nach dem Himmelreich, sondern auf dieses alles verzichtet haben, auch
auf das, was das Ihrige ist, - in solchen Menschen wird Gott geehrt.
Nonus articulus (9)
(vgl. Votum
Art. 16)
Ego nuper cogitavi, utrum ego vellem aliquid recipere a Deo vel
desiderare. Ego volo de hoc valde bene deliberare, quia ubi ego essem accipiens
a Deo, ibi essem ego sub eo vel infra eum, sicut unus famulus vel servus,
et ipse sicut dominus in dando; et sic non debemus esse in eterna vita.
Ich habe neulich darüber nachgedacht, ob ich wohl
von Gott etwas annehmen oder begehren wollte: Ich will mir das gar sehr
überlegen, weil ich da, wo ich von Gott empfangen würde, unter
ihm oder unterhalb seiner wäre wie ein Diener oder Knecht, er selbst
aber im Geben wie ein Herr wäre, - und so soll es mit uns nicht stehen
im ewigen Leben.
Decimus articulus (10)
(vgl. Votum
Art. 20)
Nos transformamur totaliter in Deum et convertimur in eum; simili
modo, sicut im sacramento panis convertitur in corpus Christi, sic ego
convertur in eum, quod ipse operator me suum esse unum, non simile. Per
viventem Deum verum est, quod ibi nulla est distinctio.
Wir werden völlig in Gott umgeformt und in ihn verwandelt;
auf gleiche Weise, wie im Sakrament das Brot verwandelt wird in den Leib
Christi: so werde ich in ihn verwandelt, daß er selbst mich hervorbringt
als sein Sein als eines, nicht (etwa nur) als gleiches; beim lebendigen
Gott ist es wahr, daß da kein Unterschied besteht.
Undecimus articulus (11)
(vgl. Votum
Art. 21; Acta n. 58)
Quicquid Deus pater dedit filio suo unigenito im humana natura,
hoc totom dedit michi. Hic nichil excipio, nec unionem nec sanctitatem,
sed totum dedit michi sicut sibi.
Alles, was Gott Vater seinem eingeborenen Sohne in der
menschlichen Natur gegeben hat, das hat er alles auch mir gegeben: hiervon
nehme ich nichts aus, weder die Einigung noch die Heiligkeit, sondern er
hat mir alles ebenso gegeben wie ihm.
Duodecimus articulus (12)
(vgl. Votum
Art. 22; Acta n. 58)
Quicquid dicit sacra scriptura de Christo, hoc etiam totum verificatur
de omni bono et divino homime.
Alles, was die Heilige Schrift über Christus sagt,
das bewahrheitet sich völlig an jedem guten und göttlichen Menschen.
Tertiusdecimus articulus (13)
(vgl. Votum
Art. 23; Acta n. 58)
Quicquid proprium est divine nature, hoc totum proprium est homini
iusto et divino. Propter hoc iste homo operatur, quicquid Deus operatur,
et creavit una cum Deo celum et terram, et est generator verbi eterni,
et Deus sine tali homine nesciret quicquam facere.
Alles, was der göttlichen Natur eigen ist, das alles
ist auch dem gerechten und göttlichen Menschen eigen; darum wirkt
solch ein Mensch auch alles, was Gott wirkt, und er hat zusammen mit Gott
Himmel und Erde geschaffen, und er ist Zeuger des ewigen Wortes, und Gott
wüßte ohne einen solchen Menschen nichts zu tun.
Quartusdecimus articulus (14)
(vgl. Votum
Art. 27)
Bonus homo debet sic conformare voluntatem suam voluntati divine,
quod ipse velit quicquid Deus vult. Quia Deus vult aliquo modo me pecasse,
nollem ego quod ego peccata non commisissem, et hec est vera penitentia.
Der gute Mensch soll seinen Willen so dem göttlichen
Willen angleichen, daß er selber alles will, was Gott will: Weil
nun Gott in gewisser Weise will, daß ich gesündigt habe, so
wollte ich nicht, daß ich keine Sünden begangen hätte,
und das ist wahre Buße.
Quintusdecimus articulus (15)
(vgl. Votum
Art. 28)
Si homo commisisset mille peccata mortalia, si talis homo esset
recte dispositus, non deberet velle se ea non commisisse.
Wenn ein Mensch tausend Todsünden begangen hätte,
und es wäre ein solcher Mensch in rechter Verfassung, so dürfte
er nicht wünschen, er hätte sie nicht begangen.
Sextusdecimus articulus (16)
(vgl. Votum
Art. 10)
Deus proprie non precipit actum exteriorem.
Gott befiehlt nicht ausdrücklich das äußere
Werk.
Decimusseptimus articulus (17)
(vgl. Votum
Art. 11)
Actus exterior non est proprie bonus nec divinus, nec operatur
ipsum Deus proprie nec parit.
Das äußere Werk ist nicht eigentlich gut und
göttlich, und Gott wirkt und gebiert es nicht eigentlich.
Decimusoctavus articulus (18)
(vgl. Votum
Art. 12)
Afferamus fructum actuum non exteriorum, qui nos bonos non faciunt,
sed actuum interiorum, quos pater in nobis manens facit et operatur.
Laßt uns nicht die Frucht äußerer Werke
bringen, die uns nicht gut machen, sondern innerer Werke, die der Vater,
in uns bleibend, tut und wirkt.
Decimusnonus articulus (19)
(vgl. Votum
Art. 13)
Deus animas amat, non opus extra.
Gott liebt die Seelen, nicht das äußere Werk.
Vicesimus articulus (20)
(vgl. Votum
Art. 17; Acta n. 58)
Quod bonus homo est unigenitus filius Dei.
Der gute Mensch ist der eingeborene Sohn Gottes.
Vicesimusprimus articulus (21)
(vgl. Votum
Art. 18; Acta n. 58)
Homo nobilis est ille unigenitus filius Dei, quem pater eternaliter
genuit.
Der »edle Mensch« ist jener eingeborene Sohn
Gottes, den der Vater von Ewigkeit her gezeugt hat.
Vicesimussecundus articulus (22)
(vgl. Votum
Art. 19; Acta n. 58)
Pater generat me suum filium et eundem filium. Quicquid Deus
operatur, hoc est unum; propter hoc generat ipse me suum filium sine omni
distinctione.
Der Vater zeugt mich als seinen Sohn und als denselben
Sohn. Was immer Gott wirkt, das ist Eines; darum zeugt er mich als seinen
Sohn ohne allen Unterschied.
Vicesimustertius articulus (23)
(vgl. Votum
Art. 24)
Deus est unus omnibus modis et secundum omnem rationem, ita ut
in ipso non sit invenire aliquam multitudinem in intellectu vel extra intellectum;
qui enim duo videt vel distinctionem videt, Deum non videt. Deus enim unus
est extra numerum et supra numerum, nec ponit in unum cum aliquo. Sequitur:
Nulla igitur distinctio in ipso Deo esse potest aut intelligi.
Gott ist auf alle Weisen und in jedem Betracht nur Einer,
so daß in ihm selber keinerlei Vielheit zu finden ist, weder in der
Vernunft noch außerhalb der Vernunft; wer nämlich Zweiheit oder
Unterschiedenheit sieht, der sieht Gott nicht, denn Gott ist Einer außerhalb
aller Zahl und über aller Zahl und fällt mit nichts in Eins zusammen.
Daraus folgt: In Gott selbst kann demnach keinerlei Unterschied sein oder
erkannt werden.
Vicesimusquartus articulus (24)
(vgl. Votum
Art. 25)
Omnis distinctio est a Deo aliena, neque in natura neque in personis.
Probatur: quia natura ipsa est una et hoc unum, et quelibet persona est
una et id ipsum unum quod natura.
Jede Unterschiedenheit ist Gott fremd, sowohl in der
Natur wie in den Personen. Beweis: Seine Natur selbst ist Eine und eben
dieses selbe Eine, und jede Person ist Eine und eben dieses selbe Eine,
das die Natur ist.
Vicesimusquintus articulus (25)
(vgl. Votum
Art. 26)
Cum dicitur: "Symon, diligis me plus hiis?", sensus est, id est,
plus quam istos, et bene quidem, sed non perfecte. In primo enim et secundo
et plus et minus et gradus est et ordo, in uno autem nec gradus est nec
ordo. Qui igitur diligit Deum plus quam proximum, bene quidem, sed nondum
perfecte.
Wenn es heißt: »Simon, liebst du mich mehr
als diese?«, so ist der Sinn dieser: »will sagen, mehr als
dieses, und zwar auf gute, nicht aber auf vollkommene Weise.« Wo
nämlich ein »Erstes« und ein »Zweites« ist,
da ist ein »Mehr« oder »Weniger«, ist Gradunterschied
und Rangordnung; im Einen aber gibt es weder Grad noch Rang. Wer demnach
Gott mehr liebt als den Nächsten, liebt ihn zwar auf gute, nicht aber
auf vollkommene Weise.
Vicesimussextus articulus (26)
(vgl. Votum
Art. 6)
Omnes creature sunt unum purum nichil. Non dico, quod sint quid
modicum vel aliquid, sed quod sint unum purum nichil.
Alle Kreaturen sind ein reines Nichts: ich sage nicht,
daß sie etwas Geringes oder (überhaupt) irgend etwas
sind, sondern daß sie ein reines Nichts sind.
Objectum preterea extitit dicto Ekardo, quod predicaverat
alios duos articulos sub hiis verbis:
Außerdem wurde besagtem Eckhart vorgehalten,
daß er noch zwei andere Artikel mit folgenden Worten gepredigt hatte:
Primus articulus (27)
(vgl. Votum
Art. 4)
Aliquid est in anima, quod est increatum et increabile; si tota
anima esset talis, esset increata et increabilis; et hoc est intellectus.
Es ist etwas in der Seele, das unerschaffen und unerschaffbar
ist; wenn die ganze Seele solcherart wäre, so wäre sie unerschaffen
und unerschaffbar, - und dies ist die Vernunft.
Secundus articulus (28)
(vgl. Votum
Art. 5)
Quod Deus non est bonus neque melior neque optimus; ita male
dico, quandocunque voco Deum bonum, ac si ego album vocarem nigrum.
Gott ist weder gut noch besser noch vollkommen; wenn
ich Gott gut nenne, so sage ich etwas ebenso Verkehrtes, als wenn ich das
Weiße schwarz nennen würde.
Verum nos omnes suprascriptos articulos per multos sacre theologie
doctores examinari fecimus, et nos ipsi cum fratribus nostris illos examinavimus
diligenter. Et demum, quia tam per relationem doctorum ipsorum quam per
examinationem nostram invenimus primos quindecim memoratos articulos et
duos etiam alios ultimos tam ex suorum sono verborum quam ex suarum connexione
sententiarum errorem seu labem heresis continere, alios vero undecim, quorum
primus incipit: "Deus non precipit", et cetera, reperimus nimis male sonare
et multum esse temerarios de heresique suspectos, licet cum multis expositionibus
et suppletionibus sensum catholicum formare valeant vel habere:
Wir haben nun alle oben angeführten Artikel durch
viele Doktoren der heiligen Theologie prüfen lassen und haben sie
auch selbst mit Unseren Brüdern sorgfältig geprüft. Und
schließlich haben Wir sowohl auf Grund des Berichtes jener selben
Doktoren, wie auf Grund Unserer eigenen Prüfung gefunden, daß
die ersten fünfzehn der erwähnten Artikel und auch die beiden
letzten sowohl ihrem Wortlaut nach wie nach dem Zusammenhang ihrer Gedanken
Irrtum oder das Mal der Häresie
enthalten; die elf anderen aber, deren erster beginnt mit: »Gott
befiehlt nicht usw.«, haben Wir als überaus übel klingend
und sehr kühn und der Häresie verdächtig gefunden, wenn
auch zugestanden werden mag, daß sie mit vielen Erklärungen
und Ergänzungen einen katholischen Sinn ergeben und haben können.
ne articuli huiusmodi seu contenta in eis corda simplicium,
apud quos predicati fuerunt, ultra inficere valeant, neve apud illos vel
alios quomodolibet invalescant. Nos de dictorum fratrum nostrorum consilio
prefatos quindecim primos articulos et duos alios ultimo, [? hier steht
statt des Kommas bei Denifle ein 's'] tanquam hereticos, dictos vero alios
undecim tanquam male sonantes, temerarios et suspectos de heresi, ac nichilominus
libros quoslibet seu opuscula eiusdem Ekardi, prefatos articulos seu eorum
aliquem continentes, dampnamus et reprobamus expresse. [Absatz bei Laurent]
Si qui vero eosdem articulos pertinaciter defendere vel approbare presumpserint,
contra illos, qui predictos quindecim articulos et duos alios ultimos seu
eorum aliquem sic defenderint aut approbaverint tanquam contra hereticos,
adversus vero eos, qui alios dictos undecim articulos, prout sonant verba
eorum, defenderint aut approbaverint, velut contra suspectos de heresi
procedi volumes et mandamus.
Damit nun derartige Artikel oder ihr Inhalt die Herzen
der Einfältigen, denen sie gepredigt worden sind, nicht weiter anstecken
und bei ihnen oder anderen nicht irgendwie in Schwang kommen können,
verdammen und verwerfen Wir ausdrücklich auf den Rat Unserer genannten
Brüder die ersten fünfzehn angeführten Artikel sowie die
beiden letzten als häretisch, die anderen elf angeführten aber
als übelklingend, verwegen und der Häresie verdächtig, und
ebenso alle Bücher und Schriften dieses Eckhart, welche die
angeführten Artikel oder einen von ihnen enthalten. Wenn aber jemand
es wagen sollte, diese Artikel hartnäckig zu verteidigen oder ihnen
beizupflichten, so wollen und verordnen Wir, daß gegen diejenigen,
welche die ersten fünfzehn und die beiden letzten Artikel oder einen
von ihnen auf diese Weise verteidigen oder ihnen beipflichten sollten,
als gegen Häretiker, gegen diejenigen aber, welche die elf anderen
Artikel nach ihrem Wortlaut verteidigen oder ihnen beipflichten sollten,
als gegen der Häresie Verdächtige vorgegangen werde.
Porro, tam illis, apud quos prefati articuli predicati seu
dogmatizati fuerunt, quam quibuslibet aliis ad quorum devenere notitiam,
volumus notum esse, quod, prout constat per publicum instrumentum inde
confectum, prefatus Ekardus in fine vite sue fidem catholicam profitens
predictos viginti sex articulos, quos se predicasse confessus extitit,
necnon quecunque [quecumque bei Denifle] alia per eum scripta et docta,
sive in scolis sive in predicationibus, que possent generare in mentibus
fidelium sensum hereticum vel erroneum ac vere fidei inimicum, quantum
ad illum sensum revocavit ac etiam reprobavit et haberi voluit pro simpliciter
et totaliter revocatis, ac si illos et illa singillatim et singulariter
revocasset, determinationi apostolice sedis et nostre tam se quam scripta
sua et dicta omnia summittendo.
Ferner aber wollen Wir denjenigen, bei denen die angeführten
Artikel gepredigt oder gelehrt worden sind, sowie auch allen anderen, zu
deren Kenntnis sie gekommen sind, kundtun, daß, wie durch eine öffentliche,
darüber ausgefertigte Urkunde feststeht, der genannte Eckhart
am Ende seines Lebens, den katholischen Glauben bekennend, die angeführten
sechsundzwanzig Artikel, die gepredigt zu haben er bekannte, ferner auch
alles andere von ihm Geschriebene und in den Schulen wie in Predigten Gelehrte,
das in den Gemütern der Gläubigen einen häretischen oder
irrtümlichen und dem wahren Glauben feindlichen Sinn erzeugen könnte,
soweit es diesen Sinn betrifft, widerrufen wie auch verworfen hat und es
als so schlechthin und völlig widerrufen angesehen wissen wollte,
als wenn er jene (Artikel) und jenes (andere) einzeln und
besonders widerrufen hätte, indem er sich und alle seine Schriften
und Aussprüche der Entscheidung des apostolischen Stuhles und der
Unsern unterworfen hat.
Datum Avinione, VI. kal. aprilis, pontificatus nostri anno
tertiodecimo.
Gegeben zu Avignon,
am 27. März 1329,
im dreizehnten Jahre Unseres Pontifikates.
Der lateinische Text entspricht dem Abdruck bei Laurent.
Seine Edition unterscheidet sich von der Denifles nur marginal.
Grundsätzlich schreibt er die Nennung Gottes 'Deus' groß, setzt
nach der Angabe des Artikels einen Doppelpunkt und unterscheidet sich ansonsten
im Wesentlichen nur durch eine geänderte Zeichensetzung und die unterschiedliche
Schreibweise des Papstnamens: Iohannes bei Laurent, Joannes bei
Denifle.
Die Absätze habe ich von Quint übernommen.
Die Übersetzung entspricht dem Abdruck in: JosephQuint,
[Quint, S.
449-455]. Seine Angaben in () sind etwas eingerückt.
[4.7.05]
Edition
Heinrich Denifle,
Meister Eckeharts lateinische Schriften und die Grundanschauungen seiner
Lehre. Acten zum Processe Meister Eckeharts, in: Archiv für Literatur-
und Kulturgeschichte des Mittelalters 2, Weidmann Berlin 1886, S. 417-687,
hier: S. 636-40
M.-H. Laurent, Autour du procès de Maître
Eckhart. Les documents des Archives Vaticanes (suite et fin), in: Divus
Thomas 39 - N. 5-6, Collegio Alberoni Piacenza 1936, S. 435-444
Tabelle
Zum Verständnis der Tabelle
sei folgendes gesagt. Sie soll das Verhältnis der Bulle zu den Kölner
Listen (1.-4. Liste) und der durch die Voten der Theologen-Kommission und
des Kardinals Fourier bezeugten Avignoner Liste (Votum)
im groben darstellen. Die Tabelle kann die textlichen Unterschiede zwischen
den Kölner und der Avignoner Liste nicht berücksichtigen; diese
erschließen sich jedoch durch die wiedergegebenen Originaltexte.
Die erste Spalte verweist auf die Artikel der Bulle, die Zweite
auf die des Votums und die Dritte verlinkt zu den Artikeln der Bulle im
Original mit beigegebener Übersetzung und (teilweise) Kommentaren.
Die Spalten 4 und 5 listen die Stellen aus der Responsio (Proc. col. I)
mit den entsprechenden Verteidigungen Eckharts, 6 und 7 die Stellen
aus der Responsio (Proc. col. II) ebenfalls mit den Verteidigungen.
Die beiden ersten Listen sind in der Responsio
erhalten, die beiden andern erschlossen (s. Leben - 1326).
Soweit die Quellen noch nicht identifiziert sind (zu den Artikeln
13,
15 und 20),
ist ein Fragezeichen gesetzt. Die Angabe "Item predicavit" (Art.
15 und 20
der Bulle) ist dem Theologen-Votum entnommen. Bei Art. 13
handelt es sich wahrscheinlich um einen Predigttext. Bei diesen Artikeln
ist unter '4. Liste' nochmals deren Ziffer angegeben.
Die Querstriche trennen die drei in der Bulle angegebenen unterschiedlichen
Gruppen.
Diese Tabelle und die Einführung basiert auf JosefKoch, [Koch,
Studien,
S. 346/47]. Ich habe die Tabelle um die Verweise auf Eckharts
Verteidigung zur 1. und 2. Liste erweitert und um - in Klammern () - Vorschläge
von Quero-Sanchéz ergänzt.
[16.1.04
- geändert
4.7.05]
Beanstandete Artikel
Da bisher nur die von Karrer
übersetzten Textstellen der ersten
und zweiten Liste vorliegen,
erscheinen die entsprechenden Passagen aus den anderen Quellen hier im
edierten Original und nach der Übersetzung der Stuttgarter
Ausgabe. Soweit sich der lateinische Text der beiden Listen nicht im Wesentlichen
mit einer der anderen Texte deckt, wird er auch dargeboten.
Bei den Texten aus den Lateinischen Werken entfällt bei
der Übersetzung die Quellenangabe, da sie sich immer auf der Seite
der lateinischen Edition befindet.
Rot hervorgehoben sind jeweils die Sätze der Bulle,
sofern nicht der gesamte wiedergegebene Text der Bulle entspricht (oder
nicht entspricht, wenn es sich um vorgeschlagene inhaltliche Übereinstimmungen
handelt). [30.5.05]
Genesis I:
Rursus tertio principium, in quo deus creavit caelum et
terram, est primum nunc simplex aeternitatis, ipsum, inquam, idem nunc
penitus, in quo deus est ab aeterno, in quo etiam est, fuit et erit aeternaliter
personarum [divinarum] emanatio. Ait ergo Moyses deum caelum et terram
crea[s]se in principio absolute primo, in quo deus ipse est, sine quolibet
medio et [aut] intervallo. Unde cum quaereretur a me
aliquando, quare deus [prius] mundum non creasset {prius}, respondi quod
non potuit, eo quod non esset. Nec [non] fuerat prius, antequam esset mundus.
(LW I/1, n. 7, S. 190,1-7;
LW
I/2, S. 65,8-14)
Text nach LW I/2. Die Angaben in [] kennzeichnen die erste
Edition, während Sturlese
aufgrund der Handschrift L
eine Zweite herausgibt. Dabei fehlt 'divinarum', 'et' und 'nec' ersetzen
'aut' und 'non', und 'prius' erscheint an anderer Stelle. Außerdem
ist der Text nahezu deckungsgleich mit n.
43 des Proc. Col. I. (vgl. LW
V, S. 312,25-28 und S. 313,1-3)
Ferner ist drittens der Anfang, in dem Gott Himmel und
Erde schuf, das erste einfache Jetzt der Ewigkeit. Genau dasselbe Jetzt,
sage ich, in dem Gott von Ewigkeit der ist und in dem auch das Ausfließen
der göttlichen Personen ewig ist, war und sein wird. Moses sagt also,
Gott habe Himmel und Erde im schlechthin ersten Anfang, in dem Gott selbst
ist, ohne jedes Mittel oder zeitlichen Abstand geschaffen. Als
ich daher einstmals gefragt wurde, warum Gott die Welt nicht früher
geschaffen habe, antwortete ich: er konnte es nicht, weil er nicht war.
Er war nicht, bevor die Welt war.
Johannes - Kommentar:
1. Primo: quia ante mundum creatum non fuit aliquod ubi.
Unde cuidam sciolo volenti probare aeternitatem mundi et quaerenti, quare
deus mundum non prius creavit et postea creaverit, respondi quidem ad hominem quod
deus non potuit mundum prius creare, quia ante mundum et tempus non fuit
prius. (LW III,
n. 214, S. 180,5-6)
Erstens: vor der Erschaffung der Welt gab es kein Wo.
Als mich ein Halbwisser, der die Ewigkeit der Welt beweisen wollte, fragte,
weshalb Gott die Welt nicht früher, sondern erst später erschaffen
habe, gab ich ihm die verdiente Antwort: Gott konnte
die Welt nicht früher erschaffen, weil es vor der Welt und vor der
Zeit kein Früher gab.
2. Rursus septimo: concedi potest quod mundus fuit
ab aeterno, et iterum quod deus ipsum prius creare non
potuit. Creavit enim mundum in primo nunc aeternitatis, quo ipse
deus et est et deus est. (LW
III, n. 216, S. 181,7-9)
Siebtens: man kann zugeben, daß die Welt von Ewigkeit
her war, und ferner, daß Gott sie nicht früher
erschaffen konnte. Denn Gott erschuf die Welt im ersten Jetzt der
Ewigkeit, in dem Gott selbst ist und in dem er Gott ist.
Sermo XLV:
Alii etiam volenti protervire responsum est quod deus nec
ante nec prius poterat mundum facere, quia nec ante nec prius erat, quando
mundus non erat. Aut quomodo prius faceret, qui in primo nunc aeternitatis
mundum creavit? Non enim aliud est nunc aeternitatis nisi unicum, quod
tunc erat, quando deus mundum creabat. (LW
IV, n. 458, S. 380,6-10)
Ein anderer kecker Frager erhielt die Antwort, daß
Gott die Welt gar nicht vorher oder früher schaffen konnte, weil es
kein Vorher oder Früher gab, als die Welt noch nicht da war. Oder
wie hätte der die Welt früher schaffen können, der sie im
ersten Jetzt der Ewigkeit erschaffen hat? Denn es gibt nur das einzige
Jetzt der Ewigkeit, und das war da, als Gott die Welt schuf.
Anmerkung:
Liest man diese Auszüge nebeneinander, kann man sich des
Eindrucks nicht erwehren, dass der Sermo zeitlich am nahesten an der geschilderten
Begebenheit liegt, auf die Eckhart auch im Johannes-Kommentar Bezug
nimmt. Da es sich um eine Frage - Antwort - Situation handelt, liegt die
Vermutung nahe, das der Sermo in die Zeit des ersten
Pariser Magisteriums (oder noch davor) datierbar sein könnte. [30.5.05]
Johannes - Kommentar:
Rursus septimo: concedi potest quod mundus fuit ab
aeterno, et iterum quod deus ipsum prius creare non potuit. Creavit
enim mundum in primo nunc aeternitatis, quo ipse deus et est et deus est.
(LW III, n. 216, S. 181,7-9)
Siebtens: man kann zugeben, daß die Welt von Ewigkeit
her war, und ferner, daß Gott sie nicht früher erschaffen
konnte. Denn Gott erschuf die Welt im ersten Jetzt der Ewigkeit, in dem
Gott selbst ist und in dem er Gott ist. [30.5.05]
Genesis I:
Praeterea: quomodo poterat creasse prius, cum in eodem nunc
mox mundum creaverit, in quo {fuerit deus}? Non enim imaginandum est falso,
quasi deus steterit exspectans nunc aliquod temporis futurum in quo crearet
mundum. Simul enim et semel quo deus fuit, quo filium
sibi coaeternum per omnia [co]aequalem deum genuit, etiam mundum creavit,
Iob:
'semel loquitur deus'. Loquitur autem filium generando, quia filius est
verbum; loquitur etiam [et] creaturam creando, Psalmus: 'dixit et facta
sunt, mandavit et creata sunt'. Hinc est quod in alio Psalmo dicitur: 'semel
locutus est deus, duo haec audivi'. 'Duo', inquam [scilicet], caelum
et terram, vel potius 'duo haec', {scilicet personarum} emanationem
et mundi creationem, quae tamen '{ipse semel} loquitur', 'semel locutus
est'. (LW I/1, S. 190,8-191,5;
LW
I/2, S. 65,14-23)
Text nach LW I/2 (s. Bemerkung zum ersten
Artikel). Eckige Klammern: [co] fehlt in LW I/2 (wird aber in der Bulle
verwendet), [et] ist durch 'etiam' und [scilicet] durch 'inquam' ersetzt.
Geschweifte Klammern: die beiden Worte sind in LW I/1 jeweils vertauscht.
Außerdem: wie konnte Gott früher schaffen,
da er die Welt sogleich in eben dem Jetzt schuf, in dem er war? Falsch
ist nämlich die Vorstellung, als stünde Gott in Erwartung irgendeines
künftigen zeitlichen Jetzt, um in ihm die Welt zu schaffen. In
demselben und einen (Jetzt) nämlich, in dem Gott war und in
dem er den ihm gleich ewigen, den durchaus gottgleichen Sohn zeugte, schuf
er auch die Welt: 'einmal spricht Gott' (Hiob 33,14). Er
spricht aber in der Zeugung des Sohnes, weil der Sohn das Wort ist. Er
spricht auch in der Schöpfung der Kreaturen: 'er sprach, und sie wurden
gemacht, er gebot, und sie wurden geschaffen' (Ps. 32,9). Daher
heißt es in einem anderen Psalm (61,12): 'einmal hat Gott
gesprochen, diese zwei hörte ich'. 'Zwei', nämlich Himmel und
Erde, oder vielmehr 'diese zwei', nämlich das Ausfließen der
Personen und die Schöpfung der Welt, die er jedoch 'einmal spricht',
'einmal gesprochen hat'. [30.5.05]
Johannes - Kommentar:
Adhuc autem in omni opere, etiam malo,
malo, inquam tam poenae quam culpae, manifestatur et relucet et aequaliter
lucet gloria dei, secundum illud supra primo: 'lux in tenebris lucet':
et Dan. 3: 'benedicite lux et tenebrae domino; Rom. 4: 'vocat ea quae non
sunt tamquam ea quae sunt. (LW
III, n. 494, S. 426,4-7)
Ferner aber: in jedem Werk, auch dem
bösen, böse nach Strafe und Schuld, sage ich, wird offenbar,
leuchtet wieder und leuchtet in gleicher Weise die Herrlichkeit Gottes
gemäß dem Wort: 'das Licht leuchtet in der Finsternis' (1,5);
und: 'Licht und Finsternis, preiset den Herrn!' (Dan. 3,72); 'er ruft das,
was nicht ist, ebenso wie das, was ist' (Röm. 4,17). [31.5.05]
Johannes - Kommentar:
Unde et vituperans quempiam vituperio ipso,
peccato scilicet vituperii, laudat deum, et quo plus vituperat et gravius
peccat, amplius deum laudat, quin immo deum ipsum quis blasphemando
deum laudat. (LW III,
n. 494, S. 426,7-9)
Daher lobt Gott auch der, welcher einen tadelt, durch
den Tadel selbst, nämlich durch die Sünde des Tadels, und je
mehr er tadelt und je schwerer er sündigt, um so mehr lobt er Gott,
ja sogar wenn einer Gott selbst verflucht, lobt er damit Gott. [31.5.05]
Johannes - Kommentar:
Unde et vituperans quempiam vituperio ipso, peccato scilicet
vituperii, laudat deum, et quo plus vituperat et gravius peccat, amplius
deum laudat, quin immo deum ipsum quis blasphemando deum
laudat. (LW III,
n. 494, S. 426,9)
Daher lobt Gott auch der, welcher einen tadelt, durch
den Tadel selbst, nämlich durch die Sünde des Tadels, und je
mehr er tadelt und je schwerer er sündigt, um so mehr lobt er Gott,
ja sogar wenn einer Gott selbst verflucht, lobt er damit
Gott. [31.5.05]
Johannes - Kommentar:
Patet ergo quod petens hoc aut hoc, malum
petit et male, quia negationem boni et negationem alicuius esse et
negationem dei petit et (orat). Ergo non orat nec petit deum, sed
orat et petit sibi negari deum, negari sibi esse,
verum et bonum. (LW III,
n. 611, S. 534,2-4)
Es erhellt also, daß, wer um
dies oder das bittet, um etwas Schlechtes und auf schlechte Weise bittet,
weil er um die Verneinung des Guten und um die Verneinung eines
Seins und um die Verneinung Gottes bittet und betet.
Also betet und bittet er nicht um Gott, sondern er betet und bittet, daß
ihm Gott verneint, daß ihm das Sein, das Wahre und das Gute versagt
werde.
Anmerkung: hier zeigt sich gut, wie man einen gegebenen Text
verstümmeln kann, damit er die Aussage ergibt, die man hören
möchte (es sei denn, den Inquisitoren stand eine andere Quelle zur
Verfügung, die nicht (mehr) bekannt ist).
Kölner Responsio
(Processus coloniensis):
Der Artikel war nicht unter den in Köln inkriminierten
Sätzen (zumindest nicht in beiden uns überlieferten Listen).
Dort findet man aber einen Satz, der dasselbe Thema betrifft, der der Pr.
11 (Impletum est tempus Elisabeth) entnommen ist. (DW
I, S. 187,1-7)[Quero-Sánchez,
S. 388]
Cette proposition ne figure pas dans le procès de
Cologne; on peut toutefois rapprocher le texte de la bulle de Jean XXII
du 11e article de la 2e accusation[Laurent,
S. 437, Anm. 80]
Undecimus articulus sic dicit: "Qui nihil quaerit, non potest
conqueri, si ipse nihil inveniat. Ipse invenit hoc, quod ipse quaesivit.
Qui aliquid quaerit et intendit praeter deum, ille quaerit et intendit
nihil et propter hoc accipit quod petit nihil accipiendo. Sed qui nihil
quaerit nec aliquid intendit quam deum purum vel pure, illi dat deus et
discooperit seu aperit omne quod secretum deus habet in suo divino corde,
quod hoc fit ei ita proprium, sicut est proprium dei, nec plus nec minus,
si ipse eum solum quaerat sine medio. (LW
V, 323,13-19)
Übersetzung: s. Proc. Col. II n.
23.
Predigt 11:
Sie meinet vil und wellent als vil. Ich sprach etwenne: der
niht suochet, daz der niht vindet, wem mac er daz klagen? Er vant, daz
er suochte. Swer iht suochet oder meinet, der suochet und meinet niht und
der umb iht bitet, dem wirt niht. Aber der niht ensuochet noch niht enmeinet
dan lûter got. dem entdecket got und gibet im allez, daz er verborgen
hât in sînem götlîchen herzen, daz ez im als eigen
wirt, als ez gotes eigen ist, weder minner noch mêr, ob er in aleine
meinet âne mitel. (DW
I, S. 187,1-7)
Ich sprach irgendwann: Wer das Nichts sucht, daß
der das Nichts findet, wem kann er das klagen? Er fand, was er suchte.
Wer irgend etwas sucht oder erstrebt, der sucht und erstrebt das Nichts,
und wer um irgend etwas bittet, dem wird das Nichts zuteil. Aber wer nichts
sucht und nichts erstrebt als rein nur Gott, dem entdeckt und gibt Gott
alles, was er verborgen hat in seinem göttlichen Herzen, auf daß
es ihm ebenso zu eigen wird, wie es Gottes Eigen ist, nicht weniger und
nicht mehr, dafern er nur unmittelbar nach Gott allein strebt. (DW
I, S. 474)
Predigt 65:
Swenne daz ich iht bite, sô bite ich niht; swenne daz
ich niht bite, sô bite ich rehte. Swenne ich dâ vereinet bin,
dâ alliu dinc gegenwertic sint, diu dâ vergangen sint und diu
iegenôte sind und diu künftic sint, diu sint alliu glîche
nâhe und glîche ein; diu sint alliu in gote und sint alliu
in mir. (DW 3, S. 102,1-4)
Wenn ich (Gott) um etwas bitte, dann bitte ich
um nichts; wenn ich (aber) um nichts bitte, dann bitte ich recht. Wenn
ich da(mit) vereint bin, wo alle Dinge gegenwärtig sind, die
vergangen und die jetzt und die zukünftig sind, da sind sie alle gleich
nahe und gleich eins; sie sind alle in Gott und sind alle in mir. (DW
3, S. 523)[Laurent,
S. 437, Anm. 80] [1.6.05]
Predigt 6:
Gotes ist diu êre. Wer sint, die gut êrent? Die
ir selbes alzemâle sint ûzgegangen und des irn alzemâle
niht ensuochent an keinen dingen, swaz ez joch sî, noch grôz
noch klein, die niht ensehent under sich noch über sich noch neben
sich noch an sich, die niht enmeinent noch guot noch
êre noch gemach noch lust noch nuz noch innicheit noch heilicheit
noch lôn noch himelrîche und dis alles sint ûzgegangen,
alles des irn, dirre liute hât got êre, und die êrent
got eigenlîche und gebent im, daz sîn ist. (DW
1, S. 100,1-6)
Gottes ist die Ehre. Wer sind die, die Gott ehren? Die
aus sich selbst gänzlich ausgegangen sind und des Ihrigen ganz und
gar nichts suchen in irgendwelchen Dingen, was immer es sei, weder Großes
noch Kleines; die auf nichts unter sich noch über sich noch neben
sich noch an sich sehen; die nicht nach Gut noch Ehre
noch Gemach noch Lust noch Nutzen noch Innigkeit noch Heiligkeit noch Lohn
noch Himmelreich trachten und sich alles dieses entäußert haben,
alles Ihrigen, - von diesen Leuten hat Gott Ehre, und die ehren
Gott im eigentlichen Sinne und geben ihm, was sein ist. (DW 1, S. 452).
[1.6.05]
Predigt 6:
Ich gedâhte niuwelîche, ob ich von gote iht nemen
wôlte oder begern. Ich wil mich harte wol berâten, wan dâ
ich von gote wære nemende, dâ wære ich under gote als
ein kneht und er als ein herre an dem gebenne. Alsô ensuln wir niht
sîn in dem êwigen lebenne. (DW
1, S. 112,6-9)
Ich dachte neulich darüber nach, ob ich von Gott
etwas nehmen oder begehren wollte. Ich will es mir sehr wohl überlegen,
denn, wenn ich von Gott (etwas) nehmen würde, so wäre ich unter
Gott wie ein Knecht und er im Geben wie ein Herr. So aber soll es mit uns
nicht sein im ewigen Leben. (DW 1, S. 455) [1.6.05]
Predigt 6:
'Wir werden alzemâle transformieret in
got und verwandelt'. Merke ein glîchnisse. Ze
glîcher wîse, als an dem sacramente verwandelt wirt brôt
in unsers herren lîchamen, swie vil der brôte wære,
sô wirt doch éin lîchame. Ze glîcher wîse,
wæren alliu diu brôt verwandelt in mînen vinger, sô
wære doch niht mêr dan éin vinger. Mêr: würde
mîn vinger verwandelt in daz brôt, sô wære diz
als vil als jenez wære. Waz in daz ander verwandelt wirt, daz wirt
ein mit im. Alsô wirde ich gewandelt in in, daz
et würket mich sîn wesen ein unglîch; bî dem lebenden
got, sô ist daz wâr, daz kein underscheit enist. (DW
I, S. 110,8-111,7)
'Wir werden völlig in Gott transformiert
und verwandelt' (2 Kor. 3,18). Vernimm ein Gleichnis! Ganz
so, wie wenn im Sakramente Brot in unseres Herrn Leib verwandelt wird:
wieviel der Brote es auch wären, so wird doch nur ein Leib - ebenso
würde, wenn alle Brote in meinen Finger verwandelt wären, doch
nicht mehr als ein Finger sein. Würde wiederum mein Finger in das
Brot verwandelt, so wäre dies soviel, wie jenes wäre. Was in
ein anderes verwandelt wird, das wird eins mit ihm. Ganz
so werde ich in ihn verwandelt, daß er mich als sein Sein wirkt,
(und zwar) als eines, nicht als gleiches; beim lebendigen Gotte ist es
wahr, daß es da keinerlei Unterschied gibt. (DW 1, S. 454
f.) [1.6.05]
Predigt 5a:
Er spricht ouch, daz der vatter an allem
dem, daz er sinem sun Jesum Chrm ye gegab in menschlicher
natur, so hat er mich ee angesehen und mich mer liebgehebt dann
in und gab mir es ee dann im: als wie? Er gab im durch mich, wann es waz
mir not. dorum, was er im gab, do meinet er mich mit und
gab mirs als wol als im; ich nim nút úsz weder eynung noch
heilikeit der gottheit noch nútzend nit. alles daz er im
in menschlicher natur ye gegab, daz enist mir nit frömbder
noch verrer dann im. (DW
1, S. 77,10-17)
Er (= der Meister) sagt auch, daß
der Vater es in allem dem, was er seinem Sohn Jesus Christus je
in der menschlichen Natur verlieh, eher auf mich abgesehen und mich
mehr geliebt hat als ihn und es mir eher verlieh als ihm. Wieso denn? Er
gab es ihm um meinetwillen, denn mir tat es not. Darum, was immer er ihm
gab, damit zielte er auf mich und gab mir's recht so
wie ihm; ich nehme da nichts aus, weder Einigung noch Heiligkeit
der Gottheit noch irgend etwas. Alles, was er ihm je in der menschlichen
Natur gab, das ist mir nicht fremder noch ferner als
ihm. (DW 1, S. 446)
Predigt 25:
Allez daz denne got ie gegap sînem eingebornen sune,
daz hât er mir gegeben als volkomenlîche als im und niht minner,
und hât mirs mê gegeben. (DW
2, S. 14,2-4)
Alles denn, was Gott je seinem eingeborenen Sohne gab,
das hat er mir ebenso vollkommen gegeben wie ihm und nicht weniger, ja,
er hat es mir in höherem Maße gegeben. (DW 2, S. 641)[Laurent,
S. 439] [2.6.05]
Predigt 24:
Dar umbe sagete ich ze Paris, daz an dem
gerehten menschen ervüllet ist, swaz diu heilige schrift und
die prophêten (von Kristô) ie gesageten;
wan, ist dir reht, allez, daz in der alten und in der niuwen ê gesaget
ist, daz wirt allez an dir volbrâht. (DW
1, S. 421,1-422,3)
Wie man sieht, stimmt der Wortlaut der Bulle nicht genau
mit dem des "Gutachtens" überein: etiam und omni fehlt
im "Gutachten". Der deutsche Wortlaut der Predigt-Stelle aber weicht nicht
nur in der Wortfolge - die beiden Sätze sind umgestellt - sondern
auch bedeutsam im Text von der Bulle und dem "Gutachten" ab: gerehten
statt bono et divino ("Gutachten"), omni bono et divino (Bulle),
und
die prophêten fehlt in der Bulle und im "Gutachten"; dementsprechend
geseiten
statt dicit, ervüllet ist statt verificatur;
de
Christo fehlt im deutschen Text. Der Wortlaut der Bulle (...) dürfte
ursprünglicher sein als der, den die uns erhaltenen hsl. Texte der
vorliegenden Predigt überliefern. Die voraufgehenden Ausführungen
des Predigers lassen erkennen, daß in Z. 1 von Kristô
notwendig in den Text gehört. Ich habe es demnach aus dem Bullen-Text
übernommen. Ich könnte mir denken, daß man nach der Verurteilung
den Satz nicht mehr im ursprünglichen Wortlaut abzuschreiben wagte
und ihn durch Weglassung des von Kristô zu verharmlosen suchte.(Quint,
DW 1, S. 422, Anm. 1)
Darum sagte ich zu Paris, daß
an dem gerechten Menschen erfüllt ist, was die Heilige Schrift
und die Propheten (von Christo) je gesagt haben;
denn, bist du recht daran, so wird alles, was im Alten und im Neuen Testament
gesagt ist, an dir vollbracht. (DW 1, S. 525) [2.6.05]
Die genaue Stelle ist nicht nachgewiesen worden. Zwei ähnliche
Aussagen sind in beiden Kölner Listen angeführt worden:
Kölner Responsio
(Processus coloniensis)
Proc. Col. I n.
57: Item. "Humilis homo est ita potens super deum, sicut ipse sui
ipsius; et quidquid est in omnibus angelis et omnibus sanctis, hoc est
proprium humilis hominis. Quidquid deus operatur, hoc operatur ipse, et
quidquid deus est, hoc ipse est, una vita et unum esse." (LW
V, S. 217,14-20)
Predigt 14:
Der oitmodege mynsche inde got dat is eyn; der oitmoedege
mynsche der is godes also geweldich as hey syns selues is,jnde allett,
dat in allen engelen is, dat is deis oitmoedegen mynschen eygen; wat got
wircket, dat wircket der oitmoedege mynsche, inde dat got is, dat ist hey:
eyn leuen inde eyn wessen; inde Dar ombe sprach onsse leue here: 'leirt
van myr; dat ich byn sanftmoedich inde van eynem oitmodegen hertzen'. (DW
1, S. 235,9-236,2)
Der demütige Mensch und Gott, das ist Eins; der demütige
Mensch ist Gottes so gewaltig, wie er seiner selbst gewaltig ist, und alles,
was in den Engeln ist, das ist dieses demütigen Menschen Eigen.; was
Gott wirkt, das wirkt der demütige Mensch, und was Gott ist, das ist
er: ein Leben und ein Sein; und darum sprach unser lieber Herr: 'Lernet
von mir, daß ich sanftmütig und eines demütigen Herzens
bin'. (Matth. 11,29) (DW 1, S. 486)
Dieselbe Stelle findet man - in einer längeren bzw.
interessanteren Fassung - wiederum in der zweiten Liste:
Kölner Responsio
(Processus coloniensis)
Proc. Col. II n.
29: Decimus quartus articulus sic dicit: "Omnia debent impleri in
vero humili homine. Humilis homo et deus non sunt duo, sed sunt unum."
Caveat deus ne obmittat se infundere in hominem recte humilem. "Humilis
homo non indiget quod deum roget, ipse potest deo imperare. Humilis homo
est ita potens super deum, sicut ipse est, deus scilicet, potens super
se ipsum. Si iste homo esset in inferno, oporteret deum venire in infernum
et oporteret infernum esse regnum caelorum. Oporteret deum facere de necessitate.
Ipse cogitur ad hoc quod ipsum oportet hoc facere, quia istius esse est
esse divinum et divinum esse est suum [est divinum] esse." (LW
V, S. 324,19-27)
Proc. Col. I n.
58: Item quod una virtus est in anima, quae habet unam operationem
cum deo. Ipsa creat et facit omnia cum deo, et cum nullo habet aliquod
commune et generat una cum patre eundem filium unigenitum. (LW V, S. 217,21-218,3)
Diesen Satz, dessen Vorlage noch nicht nachgewiesen worden
ist, findet man auch in der zweiten Liste: Proc. Col. II n.
15 (LW V, 321,16-17).
Vgl. Eckharts ähnliche Ausführungen:
Proc. Col. I n.
81-82: Primum est quod li 'in quantum', reduplicatio scilicet, excludit
omne aliud, omne alienum etiam secundum rationem a termino. Licet enim
in deo sit idem esse et intelligere, dicimus tamen deum non esse malum,
quamvis dicamus eum intelligere malum. Et quamvis in deo patre idem sit
essentia et paternitas, non tamen generat in quantum essentia, sed in quantum
pater, quamvis essentia sit radix generationis. Procedunt enim actus divinorum
etiam absoluti a deo secundum proprietatem attributorum, ut dicit quaedam
maxima theologiae. Unde Bernardus V 1. De consideratione dicit quod deus
amat ut caritas, novit ut veritas, sedet ut aequitas, dominatur ut maiestas,
operatur ut virtus, revelat ut lux etc. Secundum est quod bonum et bonitas
sunt unum. Bonus enim in quantum bonus solam bonitatem significat, sicut
album solam qualitatem albedinem scilicet, significat. Haec tamen, bonus
et bonitas, sunt in filio, spiritu sancto et patre unum univoce, in deo
autem et nobis, qui boni sumus, sunt analogice unum. (LW V, S. 277,7-278,6)
Eckharts Verteidigung:
Proc. Col. I n.
135: Ad quartum cum dicitur: "Humilis homo est ita potens super
deum" etc. Error est ut sonat. Sed hoc verum est quod deus 'humilibus dat
gratiam', ut aiunt Iacobus et Petrus. Quantum autem homo habet de gratia
et est filius dei, tantum potest super deum et opera illius, quia non vult
aliud nec aliter quam quod deus vult et operatur. (LW V, S. 298,4-5)
Proc. Col. I n.
136: Ad quintum cum dicitur: "Una virtus est in anima, quae habet
unam operationem cum deo." Error est sicut sonat, nisi exponatur sicut
iam dictum est ad quartum et supra ad secundum. (LW V, S. 298,9-11)
Eckhart bezieht sich dabei auf die gerade angegebene Einlassung
zu Proc. Col. I n. 57
bzw. auf die zu Proc. Col. I n.
55 (Proc. Col. I n.
133: LW V, S. 297,1-9);
vgl. noch Proc. Col. II n.
16 (Einlassung zu Proc. Col. II n.
15): Falsum est ut sonat. Non enim creatura creator est, sed creatio
est propria soli deo. Verum est quod tanta fuit unio verbi in Christo homine
quod communicat sibi idiomata sua sive proprietates in tantum quod homo
ille, puer ille, creavit caelos et (deus) mortuus dicitur et est. (LW V,
S. 321,18-21)
dazu noch Proc. Col. II n.
30 (Einlassung zu Proc. Col. II n.
29): "Dicendum quod totum verum est, morale et devotum, emphaticum
tamen, sicut supra dictum est de lacrima. Quod autem dicitur quod talis
"homo et deus non sunt duo, sed unum", patet ex eo quod Ioh. 17 salvator
pro nobis orat patrem. Homo enim humilis in quantum humilis non est duo
cum humilitate. Duo enim divisionem dicit et est radix divisionis. Quomodo
autem esset quis unus divisus ab (unitare, humilis divisus ab) humilitate,
albus divisus ab albedine et sine albedine? Quapropter ubicumque in inferno
esset humilis, necessario esset humilitas. Constat etiam quod eodem quo
deus est deus, homo est divinus analogice. Nec enim quis est divinus sine
deo, sicut nec albus sine albedine. (LW V, S. 325,1-9) [Quero-Sánchez,
S. 392-94, Anm. xxxvi-xxxviii] [26.6.05]
Buch der göttlichen
Tröstung:
Ein sôgetân mensche ist sô einwillic
mit gote, daz er allez daz wil, daz got wil und in der wîse,
sô ez got wil. Und dar umbe, wan got etlîche
wîs wil, daz ich ouch sünde hân getân, sô
enwölte ich niht, daz ich sie niht enhæte getân,
wan sô gewirdet gotes wille 'in der erden', daz ist in missetât,
'als in dem himel', daz ist in woltât. Sô wil der mensche gotes
durch got enbern und von gote durch got gesundert sîn, und
daz ist aleine rehtiu riuwe mîner sünden; sô ist
mir sünde leit âne leit, als got hât leit aller bôsheit
âne leit. Leit und meistez leit hân ich umbe sünde, wan
ich entæte niht sünde umbe allez, daz geschaffen oder geschepfelich
ist, ob joch tûsent werlte êwiclîche möhten wesen,
doch âne leit. (DW
5, S. 22,5-14)
Ein solcher Mensch ist so einwillig mit Gott, daß
er alles das will, was Gott will und in der Weise, wie es Gott will.
Und darum, da Gott in gewisser Weise will, daß
ich auch Sünde getan habe, so wollte ich nicht, daß ich sie
nicht getan hätte, denn so geschieht Gottes Wille »auf
Erden«, das ist in Missetat, »wie im Himmel«, das ist
im Rechthandeln. In solcher Weise will der Mensch Gott um Gottes willen
entbehren und von Gott um Gottes willen geschieden sein, und
das ist allein rechte Reue meiner Sünden; so ist mir die Sünde
leid ohne Leid, wie Gott alles Böse leid ist ohne Leid. Leid und das
größte Leid habe ich wegen der Sünde - denn ich täte
um alles, was geschaffen oder erschaffbar ist, auch wenn es in Ewigkeit
tausend Welten geben könnte, keine Sünde -, jedoch ohne Leid.
(DW
5, S. 477 f.) [27.6.05]
Dieser Artikel konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Eine
ähnliche Aussage findet man in den
Erfurter Reden:
Jâ, der rehte wære gesetzet in den willen gotes,
der ensölte niht wellen, diu sünde, dâ er în gevallen
was, daz des niht geschehen wære; niht alsô, als ez wider got
was, sunder als verre als dû dâ mite bist gebunden ze mêrer
minne und bist dâ mite genidert und gedêmüetiget, als
daz aleine, daz er wider got hât getân. (DW
5, S. 233,4-8)
Ja, wer recht in den Willen Gottes versetzt wäre,
der sollte nicht wollen, daß die Sünde, in die er gefallen,
nicht geschehen wäre. Freilich nicht im Hinblick darauf, daß
sie gegen Gott gerichtet war, sondern, sofern du dadurch zu größerer
Liebe gebunden und du dadurch erniedrigt und gedemütigt bist, also
nur deshalb nicht, weil er gegen Gott gehandelt hat. (Quint,
71 f.; DW 5, S. 517) [29.6.05]
Liber parabolarum Genesis:
Primo, quod deus non praecipit proprie
actum exteriorem, cum ille posset impediri. (LW
I/1, n. 165, S. 634,11-12)
Erstens, daß Gott den äußern
Akt nicht eigentlich gebietet, da dieser gehindert werden kann.
[29.6.05]
Liber parabolarum Genesis:
Secundo, quod actus exterior non est proprie
bonus neque divinus, neque ipsum operatur deus proprie neque parit.
(LW I/1, n. 165, S.
635,3-4)
Zweitens (erhellt daraus), daß
der äußere Akt nicht eigentlich gut noch göttlich ist und
daß Gott ihn nicht eigentlich wirkt noch zeugt. [29.6.05]
Johannes - Kommentar:
Secundo vult dicere quod fructum afferamus
actuum non exteriorum, qui nos bonos non faciunt, sed actuum interiorum
quos pater in nobis manens facit et operatur. (LW
III, n. 646, S. 561,9-10)
Zweitens will er sagen, wir sollen
Frucht nicht der äußeren Werke bringen, die uns nicht gut machen,
sondern der inneren Werke, die der Vater, der in uns bleibt, tut und wirkt[29.6.05]
Sapientia - Kommentar:
Tertio ait: amas animas, non opus extra.
(LW II, n. 226, S. 561,1)
Drittens heißt es: "du liebst
die Seelen", nicht das äußere Werk.
Tractatus 17:
Wan got siht niht an, waz diu were sint, denne alleine, waz
diu minne sî unde diu andâht unde daz gemüete in den werken.(Pfeiffer,
Deutsche Mystiker, Teil II, S. 683,34-36)[Laurent,
p. 440, not. 92] [29.6.05]
In dieser Form ist der Satz bei Eckhart nicht bezeugt. Einen
ähnlichen Satz findet man aber im
Buch der göttlichen
Tröstung:
Noch spriche ich vürbaz ze dem dritten mâle, daz
ein guot mensche, als verre er guot ist, hât gotes eigenschaft niht
aleine dar ane, daz er minnet und würket allez, daz er minnet und
würket, durch got, den er dâ minnet und durch den er würket,
sunder er minnet und würket ouch durch sich selben, der dâ minnet;
wan, daz er minnet, daz ist got-vater-ungeborn, der dâ minnet, ist
got-sun-geborn. Nû ist der vater in dem sune und der sun in dem vater.
Vater und sun sint ein. (DW
5, S. 44,21-27)
Überdies sage ich weiterhin zum dritten, daß
ein guter Mensch, soweit er gut ist, Gottes Eigenheit hat nicht allein
darin, daß er alles, was er liebt und wirkt, liebt und wirkt um Gottes
willen, den er da liebt und um dessentwillen er wirkt, sondern er, der
da liebt, liebt und wirkt auch um seiner selbst willen; denn, was er liebt,
das ist der ungeborene Gott-Vater, wer da liebt, ist der geborene Gott-Sohn.
Nun ist der Vater im Sohn und der Sohn im Vater. Vater und Sohn sind Eins.
(DW
5, S. 488)[Quero-Sanchéz,
S. 389, Anm. xxvi] [30.6.05]
Predigt 14:
nochtant in genoeget den edelen
oitmoedegen mynschen da myt neit, dat hey der eynege
geboren sun is, den der vader ewenclichen geboren
hait, hey in wylt och vader syn inde treden in de selue gelicheit
der eweger vaderschafft inde geberen den, van dem ich [ewen] Ewenclichen
geboren byn. (DW 1, S.
239,4-7)
Gleichviel genügt es dem edlen,
demütigen Menschen nicht damit, daß
er der eingeborene Sohn ist, den
der Vater ewig geboren hat: er will auch Vater sein und in dieselbe
Gleichheit mit der ewigen Vaterschaft eintreten und den gebären, von
dem ich ewig geboren bin. (DW 1, S. 487)
Wie man sieht, stimmt der Text des zweiten Zensors (RS. II
art.
34) genauer zum deutschen Text unserer Predigt als der des ersten.
(RS. $ II 4 art. 2)[Quint,
DW 1, S. 239, Anm. 3] [30.6.05]
Predigt 6:
Der vater gebirt sînen sun âne underlâz,
und ich spriche mêr: er gebirt mich sînen
sun und den selben sun. Ich spriche mêr: er gebirt mich niht
aleine sînen sun, mêr: er gebirt mich sich und sich mich und
mich sîn wesen und sîn natûre. In dem innersten quelle
dâ quille ich ûz in dem heiligen geiste, dâ ist éin
leben und éin wesen und éin werk. Allez,
waz got würket, daz ist ein; dar umbe gebirt et mich sînen sun
âne allen underscheit. (DW
1, S. 109,7-110,2)
Der Vater gebiert seinen Sohn ohne Unterlaß,
und ich sage mehr noch: Er gebiert mich als seinen Sohn
und als denselben Sohn. Ich sage noch mehr: Er gebiert mich nicht
allein als seinen Sohn; er gebiert mich als sich und sich als mich und
mich als sein Sein und als seine Natur. Im innersten Quell, da quelle ich
aus im Heiligen Geiste; da ist ein Leben und ein Sein und ein Werk. Alles,
was Gott wirkt, das ist Eins; darum gebiert er mich als seinen Sohn ohne
jeden Unterschied. (DW 1, S. 454) [1.7.05]
Exodus- Kommentar:
n. 58: Et Rabbi Moyses, ut supra dictum est, dicit
quod deus est unus "omnibus modis et secundum omnem rationem", ita ut in
ipso non sit invenire aliquam "multitudinem in intellectu vel extra intellectum",
1. I c. 50. Qui enim duo vel distinctionem videt, deum
non videt. Deus enim unus est, extra numerum et super numerum est nec ponit
in numerum cum aliquo. (LW
II, S. 65,1-6)
Und Maimonides
sagt, wie erwähnt, im 1. Buch Kapitel 50: Gott ist
einer "in jeder Beziehung und auf jede Weise", so daß sich in ihm
keinerlei "Vielheit finden läßt, weder eine begriffliche noch
eine wirkliche". Wer nämlich zwei sieht oder einen Unterschied sieht,
der sieht Gott nicht. Denn Gott ist einer, er ist außer der Zahl
und über der Zahl und läßt sich mit nichts zusammenzählen.
n. 60: Tertio, quia esse cum ente non ponit in numerum, nec
universaliter forma cum formato. Esse autem et omnis forma a deo est, utpote
primo esse et forma prima. Nulla igitur in ipso deo distinctio
esse potest aut intelligi. (LW II, S. 66,4-6)
Drittens, das Sein läßt sich mit dem Seienden
und überhaupt die Form mit dem Geformten nie zusammenzählen.
Das Sein und alle Form ist aber von Gott, dem ersten Sein und der ersten
Form. In Gott selbst kann also kein Unterschied sein
oder gedacht werden. [1.7.05]
Vom edlen Menschen:
Allerleie mittel ist gote vremde. 'Ich bin',
sprichet got, 'der êrste und der jungeste'. Underscheit enist noch
in der natûre gotes noch in den persônen nâch
der natûre einicheit. Diu götlîche natûre
ist ein, und ieglîchiu persône ist ouch ein und ist daz selbe
ein, daz diu natûre ist. (DW
5, S. 114,21-115,3)
Jederart Vermittlung ist Gott fremd. »Ich
bin«, spricht Gott, »der Erste und der Letzte« (Geh.
Offenb. 22, 13). Unterschiedenheit gibt es weder
in der Natur Gottes noch in den Personen entsprechend der Einheit
der Natur. Die göttliche Natur ist Eins, und jede
Person ist auch Eins und ist dasselbe Eine, das die Natur ist. (DW
5, S. 501) [2.7.05]
Johannes - Kommentar:
Tertio cum dicitur: diligis me plus his?
sensus est: id est plus quam istos, et bene quidem, sed nondum perfecte.
In primo enim et secundo [in] plus et minus, gradus est et ordo. In uno
autem nec gradus est nec ordo. Qui ergo diligit
deum plus quam proximum, bene quidem, sed nondum perfecte, quia
nec deum in proximo nec proximum in deo diligit. Nam si sic diligeret,
utique id ipsum et unum diligeret. (LW
III, n. 728, S. 636,8-12)
Wenn es heißt: liebst du mich mehr als diese, dann
ist drittens der Sinn: liebst du mich mehr, als du diese da liebst, und
zwar auf gute Weise, aber noch nicht vollkommen. Beim ersten und zweiten
nämlich gibt es ein Mehr und Weniger, gibt es Rang und Ordnung. Im
Einen aber gibt es weder Rang noch Ordnung. Wer also Gott mehr liebt als
den Nächsten, handelt zwar gut, aber noch nicht vollkommen,
weil er weder Gott im Nächsten noch den Nächsten in Gott liebt.
Denn wenn er so liebte, liebte er ja ein und dasselbe. [2.7.05]
Predigt 4:
Alle crêatûren sint ein lûter niht.
Ich spriche niht, daz sie kleine sîn oder iht sîn: sie sint
ein lûter niht. Swaz niht wesens enhât, daz enist niht.
Alle crêatûren hânt kein wesen, wan ir wesen swebet an
der gegenwerticheit gotes. Kêrte sich got ab allen crêatûren
einen ougenblik, sô würden sie ze nihte. Ich sprach etwenne
und ist ouch wâr: der alle die werlt næme mit gote, der enhæte
niht mê, dan ob er got aleine hæte. Alle crêatûren
hânt niht mê âne got, dan ein mücke hæte âne
got, rehte glîch noch minner noch mê. (DW
1, S. 69,8-70,7)
Alle Kreaturen sind ein reines Nichts. Ich sage nicht,
daß sie geringwertig oder überhaupt etwas seien: sie sind ein
reines Nichts. Was kein Sein hat, das ist nichts. Alle Kreaturen
(nun)
haben kein Sein, denn ihr Sein hängt an der Gegenwart Gottes. Kehrte
sich Gott nur einen Augenblick von allen Kreaturen ab, so würden sie
zunichte. Ich habe mitunter gesagt, und es ist auch wahr: Wer die ganze
Welt zu Gott hinzunähme, der hätte nicht mehr, als wenn er Gott
allein hätte. Alle Kreaturen haben ohne Gott nicht mehr (Sein)
als eine Mücke ohne Gott besäße, genau gleich viel, nicht
weniger und nicht mehr. (DW 1, S. 444) [2.7.05]
Predigt 13:
Ein kraft ist in der sêle, von der ich
mêr gesprochen hân, - und wære diu
sêle alliu alsô, sô wære si ungeschaffen und ungeschepflich.
Nû enist des niht. An dem andern teile sô hât si ein
zuosehen und ein zuohangen ze der zît, und dâ rüeret si
geschaffenheit und ist geschaffen - vernünfticheit: dirre kraft enist
niht verre noch ûzer. Daz enent des mers ist oder über tûsent
mîle, daz ist ir als eigenlîche kunt und gegenwertic als dise
stat, dâ ich inne stân. (DW
1, S. 220,4-11)
Eine Kraft ist in der Seele, von der ich schon
öfter gesprochen habe, - wäre die Seele ganz
so, so wäre sie ungeschaffen und unerschaffbar. Nun ist dem
nicht so. Mit dem übrigen Teil (ihres Seins) hat sie ein Absehen
auf und ein Anhangen an die Zeit, und da(-mit) berührt sie
die Geschaffenheit und ist geschaffen - (es ist) die Vernunft: dieser
Kraft ist nichts fern noch draußen. Was jenseits des Meeres ist oder
über tausend Meilen entfernt, das ist ihr ebenso eigentlich bekannt
und gegenwärtig wie diese Stätte, an der ich stehe. (DW 1,
S. 482)
Zu diesem Vorwurf nimmt Eckhart auch in seiner Protestatio
vom 13. Februar 1327
Stellung. [3.7.05]
Predigt 9:
Got enist guot noch bezzer noch allerbeste. Wer dâ
spræche, daz got guot wære, der tæte im als unrehte,
als ob er die sunnen swarz hieze. (DW
1, S. 148,5-7)
Gott ist nicht gut noch besser noch allerbest. Wer da
sagte, Gott sei gut, der täte ihm ebenso unrecht, wie wenn er
die Sonne schwarz nennen würde. (DW 1,
S. 463) [4.7.05]