Subject: AW: economiesuisse-Biss in faulen Apfel
From: thomas.pletscher@economiesuisse.ch
Date: Tue, 16.08.2005 18:07
To: swissbit@solami.com

Sehr geehrter Herr Keller
 
Ohne die Diskussion auf dieser Stufe weiterzuführen: wir müssen schon die generelle Entwicklung der EU von einer Anpassung eines der bestehender Verträge (am 25. September geht es NUR darum) trennen.
 
Mit Gruss
 
Thomas Pletscher
Mitglied der Geschäftsleitung
economiesuisse
Verband der Schweizer Unternehmen
Hegibachstrasse 47
CH-8032 Zürich / Schweiz
Tel   +41 1 421 35 35
Fax  +41 1 421 34 89
Mail thomas.pletscher@economiesuisse.ch
 
Subject: economiesuisse-Biss in faulen Apfel
From: "swissbit@solami.com" 
Date: Tue, 16 Aug 2005 17:55:06 +0200
To: Pletscher Thomas 

Sehr geehrter Herr Pletscher,

Besten Dank für Ihren kritischen Einwurf.  Obwohl ich Sie gut verstehen kann, empfinde ich meinerseits Ihre Kritik als sachlich unbegründet (wie ich übrigens immer noch auf eine Begründung darüber warte, in welchen Punkten meine Ausführungen zum totgeborenen US-CH Freihandelsabkommen - www.solami.com/europa.htm - weder "hilfreich noch zutreffend" sind).

Was hingegen ich nicht verstehe - und gestützt auf meine eigenen Erfahrungen nicht bereit bin hinzunehmen - ist die in Ihren Kreisen offenbar vorherrschende und m.E. in höchstem Masse schadenträchtige Nichtregistrierung, resp. Verdrängung der europaweiten politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen der EU-Verfassungsschlappe, der Karlsruher EU-Haftbefehls-Ohrfeige, und dem für mich sich daraus abzeichnenden EU No-Future Syndrom (d.h. den EU-Implosionsvorgängen, welche durch Leergestikulationen desavouierter Machtvakuumnutzer nur vernebelt, nicht aber gestoppt werden können).  Auch vermag ich nicht nachzuvollziehen, weshalb all dies keine Auswirkungen haben soll auf unsere offiziellen und privaten Beziehungen zu den ohne Richtschnur und Kompass im Umbruch stehenden EU-Institutionen und - soweit dadurch beeinflusst - zu den EU-Mitgliedsländern.  Das würde ja heissen, dass auf Ihrer Stufe der politische Radarschirm ausgefallen und das Sensorium für wesentliche Vorgänge verkümmert ist.  Dass dort weder ein sachdienlicher und zumindest sachgenügender historischer Tiefgang, noch ein Perspektivradar für denkbare Entwicklungen der politischen Grosswetterlage vorhanden ist.  Und dass dort vor lauter Sachzwängen und Saturationserscheinungen eigentlich auch keine entsprechenden Vordenkerarbeiten geleistet und mitgetragen wird.  Ob das gegebenenfalls noch ein Erfolgsrezept für die Zukunft der Schweiz und ihrer Wirtschaft sein mag, wage ich anhand der vorliegenden Beispiele allein schon aus der Maschinenindustrie zu bezweifeln (Sulzer, BBC, Contraves, etc.).  Und hätte ich nicht einen während über 30 Jahren geäufneten entsprechenden Erfahrungskratten, wäre ich, ob der damit verpassten Gelegenheiten und Perspektiven, bass schockiert von Ihrem erstaunlich schöngeistigen Realitätssinn: "Verträge aus dem vorletzten Jahrhundert mögen historisch interessant sein, werden uns aber nicht helfen".  Und so bleibt mir nur - wohlverstanden in gemeinsamer Sorge und im gemeinsamen Interesse - auch und besonders Ihnen in Erinnerung zu rufen und ins Stammbuch zu schreiben, was bei mir immer noch ständig wachhaltend nachklingt, nämlich die unmissverständliche und m.E. mehr denn je aktuelle Aufforderung des verdienten nachmaligen Nationalratspräsidenten Bremi (www.solami.com/bremiiea.htm):

"Der Bund schliesst seit Jahren zahlreiche Verträge ab, die uns verpflichten,
die unsere eigene Entscheidungsfreiheit mindestens kurzfristig beschneiden,
und mit denen wir jene Mittel reduzieren, die wir im eigenen Land noch einsetzen können.
Aus zahlreichen Gesprächen habe ich den Eindruck gewonnen,
dass sowohl in der Bundesverwaltung, wie in der Industrie, und an den Hochschulinstituten der
Ueberblick über diese Verträge und die daraus entstandenen Rechte und Pflichten verloren gegangen ist.
Ich richte mich hier deshalb in aller Form an die schweizerische Wirtschaft, an ihre Verbände, und an
die betroffenen Institute der eidgenössischen und kantonalen Hochschulen mit zwei Aufforderungen:
Erstens: Verschaffen Sie sich rasch einen umfassenden Ueberblick über alle Verträge, die
der Bund direkt und indirekt mit ausländischen Staaten, Organisationen und Instituten abgeschlossen hat.
Stellen Sie fest, welches die Rechte und Pflichten, die Berechtigten und Verpflichteten sind,
und was bisher unter diesen Verträgen getan wurde.
Zweitens: Beurteilen Sie diese Informationen, und teilen Sie uns Ihre Beurteilung mit.
Wir möchten uns davon überzeugen, dass wir uns nicht mittelfristig Optionen verbauen
und Chancen ungenützt lassen.
Diese beiden Aufforderungen sind nötig, weil sich offenbar die angesprochenen Kreise
heute noch nicht hinlänglich und systematisch mit dieser Materie beschäftigen."(anlässlich der parlamentarischen Beratung der Vorlage über die Internationale Energie-Agentur IEA, 22.6.1979)
Was finden Sie im Archiv des Vororts, in den Unterlagen der economiesuisse, in Befolgung dieses Aufrufs?
mit besten Grüssen

Anton Keller, Genf    022-7400362



Pletscher Thomas wrote:
Sehr geehrter Herr Keller
Ein Schweizer Ja am 25. September hat überhaupt nichts mit der EU-Verfassung oder dem EU-Haftbefehl zu tun. Eine solche Aussage vermischt mutwillig gesunde Äpfel nicht nur mit Birnen sondern auch mit Steinen und Blumenkohl. Am 25. September geht es darum, ob wir weiterhin mit bilateralen Abkommen mit unseren Nachbarn und wichtigsten Handelspartnern verkehren können oder eben nicht. Es geht genau um die Beziehungen auf einer pragmatischen Ebene. Ein Nein führt in die Isolation und sägt damit am Ast, auf dem wir sitzen. Verträge aus dem vorletzten Jahrhundert mögen historisch interessant sein, werden uns aber nicht helfen. 
Ich will nur klar stellen, dass solche Aktivitäten und Vermischungen wie im nachstehenden Mail im Zusammenhang mit dem 25. September so irreführend wie unfundiert sind. Auf solche Desorientierungen kann ich daher künftig verzichten.
Mit besten Grüssen
 Thomas PletscherMitglied der GeschäftsleitungeconomiesuisseVerband der Schweizer UnternehmenHegibachstrasse 47CH-8032 Zürich / SchweizTel   +41 1 421 35 35Fax  +41 1 421 34 89Mail thomas.pletscher@economiesuisse.ch

Von:swissbit@solami.com [mailto:swissbit@solami.com]
Gesendet: Dienstag, 16. August 2005 13:53
An: Freunde_von_Europa_Helvetica@solami.com
Betreff: Biss in faulen Apfel
Nach dem Scheitern der europäischen Verfassung in Frankreich (www.solami.com/france.htm) und Holland 
wäre ein Schweizer Ja am 25.September ein Biss in einen wurmstichigen Apfel!  Das geht auch aus 
dem Entscheid des deutschen Verfassungsgerichts zum verfassungswidrigen EU-Haftbefehl 
(.../haftbefehl.htm) hervor.  

Und da ein Schweizer Ja zu einer zukunftlosen europäischen Struktur die unverzichtbare 
Neufundamentslegung für ein wirkliches europäisches Haus (.../a2.htm ¦ .../a21.htmsogar erschweren und verzögern würde, könnte dies auch nicht im Interesse all jener sein, 
welche in wirtschaftlichen und andern Fragen eine verstärkte Zusammenarbeit 
insbesondere mit Europa (.../europa.htm) wollen. 

Dieses wichtige Ziel ist hingegen schneller und ohne vermeidbare Risiken auf dem Weg über 
jene bilateralen Verträge (.../commercetreaties.htm) erreichbar, welche zwar allesamt in 
Vergessenheit geraten sind aber seit Generationen mit allen EU-Staaten und weiteren traditionellen 
Handelspartnern der Schweiz weiterhin bestehen (z.B. mit USA, Kanada, Russland). 
Der "Weg nach Europa" (.../700.htm), welcher anlässlich der 700-Jahrfeier 1991 vom 
damaligen Nationalratspräsidenten Bremi auf dem Rütli angezeigt wurde, ist in diesem Sinne 
Herausforderung und Verheissung zugleich.
mit dem Wunsch erholsame Ferien genossen zu haben, und mit freundlichen Grüssen

Iconoclast    022-7400362     swissbit@solami.com

übrigens: der Begriff Europa Helvetica (.../BLANKART.htm) stammt nicht von mir - 
dürfte aber auch Ihre zumindest stille Zustimmung finden