Die Transparenzpsychose
Prof. Dr. Erwin W. Heri
Vielleicht werden die nächsten zehn Jahre als
das Jahrzehnt der Transparenz in die Annalen eingehen. Corporate Governance,
das Ende der stillen Reserven, Jahresberichte, deren Finanzteil dicker
ist als die Berichterstattung über den Geschäftsgang oder die
Produktstrategie. Endlich wissen wir jetzt auch, wie viele Aktien jedes
Mitglied des Verwaltungsrats einer Gesellschaft persönlich besitzt
und bald können wir nachlesen, wann es einmal solche Aktien ge- oder
verkauft hat. Aber es wird noch viel besser: Endlich wissen wir, was die
Geschäftsleitungen verdienen – wir haben es nämlich schon immer
vermutet, aber jetzt wissen wir es. Und wenn wir noch ein bisschen weiter
kämpfen, dann werden wir schon bald nicht nur wissen, was Herr Vasella
verdient, sondern auch, was sein Prokurist bekommt – der ist ja vielleicht
unser Nachbar!
Teil der verbesserten Transparenz ist auch, dass
wir jetzt nicht mehr bis Ende Jahr warten müssen, bis wir die Geschäftsabschlüsse
unserer Unternehmen sehen. Wir kriegen sie jetzt jedes Quartal. Wir wurden
zwar schon immer während des Jahres über Umsätze, Kostenentwicklungen
und ähnliches unterrichtet. Aber Hand aufs Herz: Eigentlich wollten
wir doch schon immer eine vollständige Gewinn- und Verlustrechnung
und eine konsolidierte Bilanz auf Quartalsebene. Brave New World. Die Amerikaner
hatten’s immer schon besser, die haben das alles nämlich
schon viel länger als wir. Und entsprechend geht da auch jeweils am
Ende eines Quartals an den Aktienbörsen „einiges ab“. Da kann eine
Firma nicht nur am Ende des Jahres die Analystengemeinde enttäuschen
oder überraschen. Sie kann es nach jedem Quartal tun – mit der entsprechenden
„Musik“ an den Aktienbörsen. Bald haben wir das alles in allen Details
ja auch.
Zynismus beiseite. Ich will nicht auf abgetretene
Pfade einschwenken und wiederholen, dass die grössten Unternehmensskandale
der letzten Jahre auf der anderen Seite des Atlantiks entstanden sind,
und dass die Gehälter von Unternehmensführern dort ein Mehrfaches
der hiesigen ausmachen. All das trotz der grossen Sprüche von wegen
Corporate Governance, Corporate Control und Transparenz. Aber vielleicht
fragt sich der geneigte Leser doch einmal, was ihm die Entwicklung der
letzten Jahre eigentlich gebracht hat. Wer liest sie denn die Beilagen
zur Finanziellen Berichterstattung der Unternehmen? Und wenn man sich doch
einmal durch einen solchen Bericht durchbeisst, hat man dann wirklich mehr
Informationen als früher (immer unter der Annahme, dass man alle die
Änderungen der „Accounting Rules“, „Regulatory Restrictions“, etc.,
die ja oft in wunderbarem Juristen- oder Finanzenglisch verfasst sind,
auch wirklich versteht)? Und was haben wir wirklich davon, dass wir jedes
Quartal alle Details des gesamten Finanzabschlusses über uns ergehen
lassen müssen? Genügt es nicht, wenn wir eine vernünftige
Darstellung dessen bekommen, was „im Geschäft“ wirklich abgelaufen
ist? Ich weiss, dass diese Sicht naiv und unmodern ist. Aber gelegentlich
bekommt der geneigte Beobachter der Szene das Gefühl, dass die Transparenz-
und Kurzfristpsychose, die auch bei uns immer weitere Blüten treibt,
vor allem ein Riesenbusiness ist. Über was sollten denn die Wirtschaftsblätter
schreiben, wenn sie keine Quartalsabschlüsse mehr kommentieren könnten?
Womit sollten die Analysten ihre Kaufs- und Verkaufsempfehlungen und damit
die Börsenkommissionen rechtfertigen, wenn sie nicht regelmässig
über Unternehmensabschlüsse überrascht oder enttäuscht
sein dürften? Und womit liessen sich die exorbitanten Revisionsgebühren
der Unternehmen rechtfertigen, wenn da nicht laufend neue Kontroll- und
Revisionsnotwendigkeiten erschlossen würden (Sarbanes-Oxley lässt
grüssen!)?
Vielleicht lässt sich hier beiläufig die
Frage einstreuen, wie es denn die Individuen und Marktteilnehmer, die man
ja eigentlich mit all diesen Regulierungen schützen will, mit den
Transparenzanforderungen halten, wenn es sie selber betrifft? Wie sieht
es denn beispielsweise mit dem Wissen um die Pensionskassenansprüche
aus? Immerhin bilden diese für die meisten Mitbürger den mit
Abstand grössten Teil ihres Vermögens (auch wenn dies vielen
Leuten nicht bewusst ist!). Oder wie sieht es mit der Krankenversicherung
aus? Wissen wir wirklich, für oder gegen was wir versichert sind?
Oder haben wir nicht alle Angst davor, dass „wenn mal etwas passiert“,
wir vielleicht das Kleingeschriebene doch nicht richtig verstanden haben
(oder die Brille nicht reichte um es zu lesen)? Oder wie sieht es mit den
Bankbelastungen aus? Wissen wir wirklich, was wir wo, wann bezahlen und
ob nicht irgend jemand, irgendwo, irgendwelche Kommissionen abzweigt, von
denen wir nichts wissen?
Fragen über Fragen, die interessanterweise
wesentlich weniger thematisiert werden als Fragen der „öffentlichen
Transparenz“. Einer der Hauptgründe dieser Dichotomie ist, dass wir
als Individuen mit unseren Geschäftspartnern, unsere Arbeitgeber,
unsere Pensionskasse, unsere Bank oder unsere Versicherung in einem partnerschaftlichen
Vertauensverhältnis stehen und es „der eine für den anderen schon
richten wird“. So sind wir eben erzogen und gross geworden. Nun besagt
ein altes Sprichwort, das Vertauen gut, aber Kontrolle besser ist. Es geht
mir bei meinen Überlegungen nicht darum, blindlings zu vertauen. Es
geht mir aber darum, dass die „Kultur des Wirtschaftens“ in unseren Breitengraden
immer noch darauf aufbaut, dass vertauenswürdige Individuen miteinander
in Interaktion treten, und dass Kontrolle dazu dient sicherzustellen, dass
man sich nicht grundsätzlich täuscht. Andernorts läuft dies
offensichtlich umgekehrt. Wenn wir aber als Individuen in Transparenzfragen
unserem Vertauensmodell offensichtlich noch nicht völlige Absage erteilt
haben, dann sollten wir uns überlegen, ob wir uns in Fragen der „öffentlichen
Transparenz“ unbedingt in jedem Fall nach anderen Mentalitäten auszurichten
haben.