PRIVATE    3/2006

Die Transparenzpsychose
Prof. Dr. Erwin W. Heri

    Vielleicht werden die nächsten zehn Jahre als das Jahrzehnt der Transparenz in die Annalen eingehen. Corporate Governance, das Ende der stillen Reserven,  Jahresberichte, deren Finanzteil dicker ist als die Berichterstattung über den Geschäftsgang oder die Produktstrategie. Endlich wissen wir jetzt auch, wie viele Aktien jedes Mitglied des Verwaltungsrats einer Gesellschaft persönlich besitzt und bald können wir nachlesen, wann es einmal solche Aktien ge- oder verkauft hat. Aber es wird noch viel besser: Endlich wissen wir, was die Geschäftsleitungen verdienen – wir haben es nämlich schon immer vermutet, aber jetzt wissen wir es. Und wenn wir noch ein bisschen weiter kämpfen, dann werden wir schon bald nicht nur wissen, was Herr Vasella verdient, sondern auch, was sein Prokurist bekommt – der ist ja vielleicht unser Nachbar!
    Teil der verbesserten Transparenz ist auch, dass wir jetzt nicht mehr bis Ende Jahr warten müssen, bis wir die Geschäftsabschlüsse unserer Unternehmen sehen. Wir kriegen sie jetzt jedes Quartal. Wir wurden zwar schon immer während des Jahres über Umsätze, Kostenentwicklungen und ähnliches unterrichtet. Aber Hand aufs Herz: Eigentlich wollten wir doch schon immer eine vollständige Gewinn- und Verlustrechnung und eine konsolidierte Bilanz auf Quartalsebene. Brave New World. Die Amerikaner hatten’s  immer schon  besser, die haben das alles nämlich schon viel länger als wir. Und entsprechend geht da auch jeweils am Ende eines Quartals an den Aktienbörsen „einiges ab“. Da kann eine Firma nicht nur am Ende des Jahres die Analystengemeinde enttäuschen oder überraschen. Sie kann es nach jedem Quartal tun – mit der entsprechenden „Musik“ an den Aktienbörsen. Bald haben wir das alles in allen Details ja auch.
    Zynismus beiseite. Ich will nicht auf abgetretene Pfade einschwenken und wiederholen, dass die grössten Unternehmensskandale der letzten Jahre auf der anderen Seite des Atlantiks entstanden sind, und dass die Gehälter von Unternehmensführern dort ein Mehrfaches der hiesigen ausmachen. All das trotz der grossen Sprüche von wegen Corporate Governance, Corporate Control und Transparenz. Aber vielleicht fragt sich der geneigte Leser doch einmal, was ihm die Entwicklung der letzten Jahre eigentlich gebracht hat. Wer liest sie denn die Beilagen zur Finanziellen Berichterstattung der Unternehmen? Und wenn man sich doch einmal durch einen solchen Bericht durchbeisst, hat man dann wirklich mehr Informationen als früher (immer unter der Annahme, dass man alle die Änderungen der „Accounting Rules“, „Regulatory Restrictions“, etc., die ja oft in wunderbarem Juristen- oder Finanzenglisch verfasst sind, auch wirklich versteht)? Und was haben wir wirklich davon, dass wir jedes Quartal alle Details des gesamten Finanzabschlusses über uns ergehen lassen müssen? Genügt es nicht, wenn wir eine vernünftige Darstellung dessen bekommen, was „im Geschäft“ wirklich abgelaufen ist? Ich weiss, dass diese Sicht naiv und unmodern ist. Aber gelegentlich bekommt der geneigte Beobachter der Szene das Gefühl, dass die Transparenz- und Kurzfristpsychose, die auch bei uns immer weitere Blüten treibt, vor allem ein Riesenbusiness ist. Über was sollten denn die Wirtschaftsblätter schreiben, wenn sie keine Quartalsabschlüsse mehr kommentieren könnten? Womit sollten die Analysten ihre Kaufs- und Verkaufsempfehlungen und damit die Börsenkommissionen rechtfertigen, wenn sie nicht regelmässig über Unternehmensabschlüsse überrascht oder enttäuscht sein dürften? Und womit liessen sich die exorbitanten Revisionsgebühren der Unternehmen rechtfertigen, wenn da nicht laufend neue Kontroll- und Revisionsnotwendigkeiten erschlossen würden (Sarbanes-Oxley lässt grüssen!)?
    Vielleicht lässt sich hier beiläufig die Frage einstreuen, wie es denn die Individuen und Marktteilnehmer, die man ja eigentlich mit all diesen Regulierungen schützen will, mit den Transparenzanforderungen halten, wenn es sie selber betrifft? Wie sieht es denn beispielsweise mit dem Wissen um die Pensionskassenansprüche aus? Immerhin bilden diese für die meisten Mitbürger den mit Abstand grössten Teil ihres Vermögens (auch wenn dies vielen Leuten nicht bewusst ist!). Oder wie sieht es mit der Krankenversicherung aus? Wissen wir wirklich, für oder gegen was wir versichert sind? Oder haben wir nicht alle Angst davor, dass „wenn mal etwas passiert“, wir vielleicht das Kleingeschriebene doch nicht richtig verstanden haben (oder die Brille nicht reichte um es zu lesen)? Oder wie sieht es mit den Bankbelastungen aus? Wissen wir wirklich, was wir wo, wann bezahlen und ob nicht irgend jemand, irgendwo, irgendwelche Kommissionen abzweigt, von denen wir nichts wissen?
    Fragen über Fragen, die interessanterweise wesentlich weniger thematisiert werden als Fragen der „öffentlichen Transparenz“. Einer der Hauptgründe dieser Dichotomie ist, dass wir als Individuen mit unseren Geschäftspartnern, unsere Arbeitgeber, unsere Pensionskasse, unsere Bank oder unsere Versicherung in einem partnerschaftlichen Vertauensverhältnis stehen und es „der eine für den anderen schon richten wird“. So sind wir eben erzogen und gross geworden. Nun besagt ein altes Sprichwort, das Vertauen gut, aber Kontrolle besser ist. Es geht mir bei meinen Überlegungen nicht darum, blindlings zu vertauen. Es geht mir aber darum, dass die „Kultur des Wirtschaftens“ in unseren Breitengraden immer noch darauf aufbaut, dass vertauenswürdige Individuen miteinander in Interaktion treten, und dass Kontrolle dazu dient sicherzustellen, dass man sich nicht grundsätzlich täuscht. Andernorts läuft dies offensichtlich umgekehrt. Wenn wir aber als Individuen in Transparenzfragen unserem Vertauensmodell offensichtlich noch nicht völlige Absage erteilt haben, dann sollten wir uns überlegen, ob wir uns in Fragen der „öffentlichen Transparenz“ unbedingt in jedem Fall nach anderen Mentalitäten auszurichten haben.