Sehr geehrter Herr Kollega,

Kudos für Ihre stets bereichernden und meist auch sehr anregenden und zielführenden Anlagekommentare. Bei den mich bisher am meisten beeindruckenden Analysen - #265 Abschied von Amerika vom 24.Aug 09, und  #272 Zu gross, um nicht unterzugehen vom 23.Aug 10 - vermisse ich von meiner Warte aus gesehen eigentlich nur eine erkennbare Bereitschaft, in der aufgezeigten Richtung konsequente Zuhörbereitschaft und Resonanz für entsprechende Signale Dritter zu praktizieren. Auch scheint mir - im Falle Ihrer beachtlichen Kritik der überhandgenommenen Tiefstzinspolitik der hier und dort auf hohem Niveau gestikulierenden "Veramtwortlichen" - Ihre nostalgisch-positiv daherkommende Erinnerung an "Jahresrenditen zwischen 20 und 50 Prozent" gelinde gesagt etwas allzu samaritisch-menschlich, um nicht zu sagen krämerisch-verzerrend zu sein. Auf dem Hintergrund der bei Ihren Lesern bewusst geförderten Sinnesschärfe für realistische Entwicklungen erscheint mir jede Erwartungsweckung für eine Rückkehr zu den Kasino-Verhältnissen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte zuwenig tiefgängig-konsequent und jedenfalls nicht hilfreich zu sein. Ich darf Sie dazu auf zwei Extrakte aus meiner Werkstatt-Subsite "Looking back/forward towards financial sanity" (http://www.solami.com/porkbellies.htm) hinweisen: 


"This is what you see all over the world.
The rules are not for the elite. The elite are always living above the law.”
Eva Joly: "J'accuse - Investigating Iceland’s financiers", Financial Times, Nov 14, 09, Stanley Pignal et al
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Birthday laudatio to a comrade-in-arms
  Auch für Dich gilt was Goethe in seinem Faust zum Ausdruck brachte:
"Du gleichst dem Geist den Du begreifst!"
    Wie verschiedentlich gezeigt, hast Du frühzeitig den Geist begriffen -
und meist einsam, und nicht selten contre vent et marée, auch nachhaltig erfolgreich umgesetzt.
    Für Dich, für Deine Familie, und für uns alle kann ich mir sodann nichts besseres wünschen,
als dass andere umso mehr diese Erkenntnisse und Erfahrungen teilen,
als sie sich auf hoher und höchster Ebene als verantwortlich erkennen,
sei dies nun in der Zivilgesellschaft, in der Wirtschaft oder im Staat.
    Das anspruchsvolle System der Demokratie
bedingt sowohl den selbst-verantwortlichen, solidaren und souveränen Bürger,
als auch den auf diesen Bürger ausgerichteten Rechtsstaat.
Der so verstandene, vorab den Freiraum des Bürgers zu schützende Rechtsstaat
verkommt zum Rechtsmittelstaat, wenn seine Regelungsdichte die kritische Masse übersteigt,
und wenn das ohnehin regelmässig auf den "Krämer" ausgerichtete Recht
auf der Makrostufe als Freibrief für ungezügeltes Wirtschaften verstanden und missbraucht wird.
Denn je höher die wirtschaftliche und politische Betätigungsebene,
desto grösser sind die Rechtslücken und Interessenkonflikte.
    Rechtslücken sind aber besonders dort keinesfalls zulasten des Gemeinwohls zu nutzen.
Auch die unvermeidbar auftretenden Interessenkonlikte sind besonders dort nicht zu verdrängen,
sondern mit Vernunft, Tiefgang und Weitsicht stets vorrangig zugunsten des Gemeinwohls zu lösen.
Daraufhin sind Ausbildung und Rechtsnormen auszurichten.
Und es gilt auch dort im obigen Sinne zu handeln, wo weder Wegweiser noch Pfade bestehen.
Denn besonders dort ist auf diese inneren Leitplanken zu achten, ist auf den inneren Kompass abzustellen.
So wie dies schon der spanische Dichter Antonio Machado mit den Worten vorgezeichnet hat:
"Traveller, there is no road, the road is made by the traveller!"
Iconoclast, 22 Sep 2010.
 Mit freundlichen Grüssen
Anton Keller    027-2812477