Neue Zürcher Zeitung
29. März 2004
www.nzz.ch/2004/03/29/bm/page-kommentar9HLHQ.html
Verpasste Chance der EBK im Fonds-Skandal
Skandale sind für einen Wirtschaftszweig nach dem ersten Schock
oft auch eine Chance, sofern die Branche am Ende gestärkt aus ihnen
hervorgeht. Dazu ist aber eine genaue Aufklärung der Vorfälle
nötig. Infolge des im November ans Licht gekommenen Fonds-Skandals
in den USA um verpöntes «Market Timing» (kurzfristiges
Handeln mit Fondsanteilen unter Ausnutzung von Kursdifferenzen in verschiedenen
Zeitzonen zulasten andrer Kunden) und illegales «Late Trading»
(Gestattung eines ausserbörslichen Handels von Fondsanteilen) gerieten
rund zwei Dutzend Fondsgesellschaften in den Strudel der Ermittlungen.
Vor anderthalb Wochen schloss die US-Aufsicht die jüngsten Vergleiche
mit zwei Fondsgesellschaften. Insgesamt belaufen sich die Strafen in drei
Fällen nun schon auf mehr als 1,6 Mrd. $ - eine ungewöhnlich
hohe Summe. Aufgeschreckt durch die Ermittlungen gegen die teilweise auch
in Europa aktiven Fonds-Anbieter, leiteten u. a. die Aufsichtsämter
in Grossbritannien, Deutschland und Frankreich genauere Ermittlungen ein.
In der Schweiz reagierte die EBK hingegen deutlich weniger couragiert.
*
In London schickte die FSA den Fondsgesellschaften einen ausführlichen
Fragebogen und erklärte klipp und klar, dass sie bei Unregelmässigkeiten
eine Selbstanzeige erwarte. Sollte dies nicht geschehen, wirke es sich
auf eine etwaige Strafe entsprechend aus, drohte die Aufsicht. In Deutschland
nahm die Bafin eine intensive Befragung aller Kapitalanlagegesellschaften,
Wirtschaftsprüfer und Depotbanken vor. Hierzulande erinnerte die EBK
hingegen die Fondsleitungen und den Branchenverband SFA lediglich in einem
Brief daran, dass die Treuepflicht der Fondsleitungen «Market Timing»
verbietet und «Late Trading» illegal ist. Zudem erörterte
sie mit dem SFA - u. a. in einem regelmässigen Treffen -, ob derlei
Praktiken in der Schweiz vorkommen. Tiefergehende Untersuchungen, das Verschicken
eines ausgefeilten Fragenkatalogs oder die aktive Kommunikation mit der
Öffentlichkeit blieben dagegen aus. Warum? Solange es keine konkreten
Anhaltspunkte gebe, müsse man auch keinen Wirbel machen, hiess es
dazu bei der EBK.
*
Zugegeben: Die US-Praktiken scheinen in Europa aus mehreren Gründen
kein akutes Problem zu sein. Jedenfalls sind in Grossbritannien und Deutschland
keine Fälle von «Late Trading» bekannt geworden; «Market
Timing» liessen jedoch einige Fondsmanager zu. Dennoch hätte
die EBK mit einem transparenteren und beherzteren Vorgehen - die Ergebnisse
der Abklärungen wurden laut EBK z. B. nie veröffentlicht - mehr
Vertrauen bei den Anlegern schaffen und Präsenz markieren können.
Schade, dass die EBK diese Chance verpasst hat, und wehe, wenn doch noch
etwas ruchbar wird.
ra.