Fussnoten zu einer Zuger Firma
courtesy by: Swiss Investors Protection Association¦ url: www.solami.com/marcrich.htm
L'affaire Marc Rich 1982/4:aide-mémoire, notes suisses, communication suisse, amicus curiae
related e-books: www.solami.com/walderbsi.htm ¦ .../motionfrueh.htm ¦ .../europa.htm ¦ .../USCH.htm ¦ .../RUSSIA.htm
.../finma.htm ¦ .../FINMAG.htm ¦ .../wicki.htm ¦ .../oehenkopp.htm ¦ .../commercetreaties.htm ¦ .../diamantball.htm
.../costbenefit.htm ¦ .../oecdmandate.htm ¦ .../crime.htm ¦ .../capitalism.htm ¦ .../barbarians.htm
tks 4 notifying errors, ommissions & suggestions: +4122-7400362 ¦ swissbit@solami.com

7 Dec 09   Motion 09.4269: Marc Rich case is precedent for refusing Roman Polanski's extradition
16 Oct 09   Book on Marc Rich Details His Iran Oil Deals, NYT, JAD MOUAWAD
Oct 2009   The King of Oil: The Secret Lives of Marc Rich, St.Martin's Press, Daniel Ammann
24.Mai 07   Marc Rich - Der Mann, der seinen Namen verlor, Weltwoche, Daniel Ammann
16.Mai 07   Aufstieg - Das Geheimnis Marc Rich, Weltwoche, Daniel Ammann
25.Juli 05   Auszug aus einem Memo an Marc Rich, Anton Keller




25.7.05    Auszug aus einem Memo von Anton Keller an Marc Rich
Erich Gayler [Gründungsanwalt der Marc Rich & Cie AG, Zug] was a man who not only appreciated and remembered services rendered but, when the occasion presented itself, gladly returned the elevator and availed his effective support to friends calling on him.  Like you, I was fortunate enough to be close to him.  Given his discretion, it is quite possible that you never even heard of me and what, not least at Erich's request, I did on the Swiss lawmaker scene in the wake of the 444 day occupation of the U.S. embassy in Teheran [www.solami.com/edouardbrunner.htm#Iran] and since regarding attempts by U.S. office holders (e.g. Giuliani) to enforce Federal Rules in Switzerland.  This being still a delicate subject which involves other mutual friends and is anyway not suitable for being detailed on a readily snooped media, maybe we'll have an opportunity to discuss matters privately at some later date.





Ausgabe 20 - 16.5.07

Aufstieg - Das Geheimnis Marc Rich
Daniel Ammann

    Vom mittellosen Flüchtlingskind zum einflussreichsten Rohstoffhändler seiner Zeit: Marc Rich revolutionierte den Welthandel. Dann brauchten die Amerikaner einen Sündenbock. Aufstieg und Dämonisierung eines Pioniers. Teil 1.
    Marc Rich schlief tief, als in seiner Villa Rose in Meggen das Telefon klingelte. Es war schon weit nach Mitternacht, Sonntag, 21. Januar 2001. Der späte Anrufer sollte eine Nachricht überbringen, mit der Rich nicht mehr gerechnet hatte. Er sei von Präsident Bill Clinton begnadigt worden, wurde ihm mitgeteilt. Begnadigt – nach 17 Jahren, in denen sein Name auf der Most-Wanted-Liste des FBI gestanden war, neben Bombenlegern und Bankräubern.
    «Ich war darüber in höchstem Masse beglückt, natürlich», schreibt mir Marc Rich in einem Brief. Der berühmteste (einige würden sagen: der berüchtigtste) Rohstoffhändler der Welt äussert sich hier zum ersten Mal zu seiner Begnadigung. Auf Journalisten ist er etwa so gut zu sprechen wie auf amerikanische Politiker oder Staatsanwälte; das letzte Interview gab er vor bald 15 Jahren. «Sehr geehrter Herr Rich», hatte ich vor mehreren Monaten in einem Mail geschrieben und ihn um ein Gespräch gebeten. «Mein Ziel ist es, mehr über Ihre Wertvorstellungen und Ihre Motive zu erfahren, um ein faires und ausgewogenes Porträt schreiben zu können.» Nach längerem Hin und Her, das von Anwälten und Kommunikationsberatern bestimmt war, hatte sich Rich schliesslich bereit erklärt, meinen Strauss von Fragen zu beantworten – allerdings nur schriftlich. «Nein, ich feierte nicht, sondern ging zurück ins Bett, um zu schlafen», schreibt er. «Die Begnadigung hat mein Leben nicht verändert. Aber sie gab mir die Freiheit zurück, zu reisen, wohin ich wollte.»

Inbegriff des Bösen
    Der Tag, an dem Marc Rich diese Freiheit genommen wurde, lässt sich exakt datieren: Am 19. September 1983, einem Montag, tritt in New York ein junger Staatsanwalt, der ehrgeizige Pläne hegt, vor die Medien. Fiebrig proklamiert Rudolph «Rudy» Giuliani den «grössten Steuerbetrugsfall in der amerikanischen Geschichte» und kann seine Genugtuung nur schlecht verbergen. Laut liest er den verblüfften Journalisten und Kameraleuten aus der Anklage vor, von einer «unüblichen Zurschaustellung» wird die New York Times schreiben. 51 Delikte wirft Giuliani dem damals 48-jährigen Rich vor, der seit zehn Jahren sein Hauptquartier in Zug hat und einige Monate zuvor in die Schweiz gezogen war. Steuerhinterziehung von mindestens 48 Millionen Dollar ist darunter, Betrug, organisierte Kriminalität – vor allem aber: «Handel mit dem Feind». Rich, verkündet der Staatsanwalt, könne dafür zu 325 Jahren Gefängnis verurteilt werden.
    Seit jenem Tag, an dem sich Rudolph Giuliani, der spätere Bürgermeister und heutige republikanische Kandidat für die Präsidentschaft, auf den langen Marsch ins Weisse Haus aufmachte, hat Rich die Macht über seinen Namen verloren. «Marc Rich» ist zur abschreckenden Chiffre verkommen. Rechte Amerikaner schmähen ihn als «Landesverräter», weil er mit dem Iran handelte, als bärtige Fundamentalisten in Teheran Botschaftsangehörige der USA als Geiseln hielten. Linke Europäer verdammen ihn als «Boykottbrecher», weil er Südafrika Erdöl verkaufte, als die Apartheid die schwarze Bevölkerung knechtete. Als geradezu archetypischer «Ausbeuter» wird er von Globalisierungsgegnern gebrandmarkt. Ein «kapitalistischer Schandfleck» sei Rich, schimpfte einst der grüne Nationalrat Josef Lang: «An seinen Fingern kleben das Blut, der Schweiss und die Tränen der Dritten Welt.» Jean Ziegler, heute Uno-Sonderberichterstatter, verlangte als sozialdemokratischer Nationalrat in einer Motion, Rich zu verhaften und an die USA auszuliefern. Der Name «Marc Rich» wurde über die Jahre zum Inbegriff des Bösen stilisiert.

    Während ihn Kritiker verteufeln, wird er von Freunden geradezu verehrt. Leute, die Marc Rich gut kennen, schildern ihn als liebenswürdigen, scheuen Mann mit feinem Humor. Bei gesellschaftlichen Anlässen sitze er am liebsten still in einer Ecke, eine Zigarre in der Hand, und beobachte die Leute. Wer ihn als Freund gewinne, sagen sie, dem bleibe er ein Leben lang treu verbunden. Sein Cousin René Trau, ein Augenarzt in Antwerpen, streicht den Familiensinn hervor. Fast täglich habe Marc mit seiner betagten Mutter telefoniert, es sei der Höhepunkt ihres Tages gewesen. «Jedes Mal, wenn ein Onkel, eine Tante, ein Cousin oder eine Cousine Rat oder Hilfe braucht», schreibt Trau, «ist Marc zur Stelle – und das, obwohl er so stark beschäftigt ist.» Alec Hackel, Richs langjähriger Geschäftspartner, betont die fürsorgliche Seite und erzählt die Geschichte eines gemeinsamen alten Freundes. Dieser litt an einer schweren Depression, man befürchtete das Schlimmste: «Marc erfand ein Forschungsprojekt aus dem Interessensgebiet des Mannes und fragte ihn, ob er es leiten könnte: Depression und Suizidgedanken waren vergessen.» Und alle Bekannten erinnern daran, dass Rich einer der grössten Philanthropen der Schweiz ist.
    Mit etwas Distanz von Freund und Feind betrachtet, lässt sich vor allem eines feststellen: Marc Rich ist ein epochaler Pionier der Globalisierung. Aus eigener Kraft arbeitete er sich vom mittellosen Emigrantenkind zum erfolg- und einflussreichsten Rohstoffhändler seiner Zeit empor. Er gründete, was in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt ist, den umsatzmässig grössten Konzern des Landes, die heutige Glencore. Und er machte die Schweiz, die als einzigen natürlichen Rohstoff Salz industriell abbaut, zu einem der weltführenden Handelszentren für Metalle und Mineralien von Aluminium bis Zink. Vor allem aber: Rich hat den Rohstoffhandel geradezu revolutioniert. Er gilt als Erfinder und Architekt des Spotmarkts, ohne den der heutige Handel mit Erdöl nicht denkbar wäre.

Zu einem Prozess ist es nie gekommen
    Auch wenn es immer wieder selbst in seriösen Zeitungen steht: Rich wurde nie zu lebenslanger Haft verurteilt; es kam nicht einmal zu einem Prozess gegen ihn. Obwohl er rechtlich also die ganze Zeit für unschuldig zu gelten hat, ist er für Politiker und Journalisten «the most wanted white-collar criminal» (der meistgesuchte Wirtschaftskriminelle) geblieben, der «flüchtige Milliardär», der «durchtriebenste» Händler der Welt. Und wann immer eine Rohstoff-Firma, in der womöglich ein ehemaliger Mitarbeiter von ihm mittut, irgendwo auf dem Erdball in einen Skandal verwickelt ist, wird sein Name zitiert – ob es nun um Giftmüll in der Elfenbeinküste geht oder um Korruption beim Oil-for-Food-Programm im Irak. Seine Anwälte können oft erst im Nachhinein in Leserbriefen oder Gegendarstellungen betonen, dass Rich nichts damit zu tun habe. Dass er begnadigt wurde, hat daran nichts geändert. Im Gegenteil; die Begnadigung wurde in den USA zum nationalen Skandal hochgestemmt und zum Beweis umgedeutet, dass sich Rich, unterdessen einer der reichsten Männer der Welt, alles kaufen kann – sogar Straffreiheit vom Präsidenten einer Supermacht. Sie wurde für Bill Clinton – und für seine Frau Hillary – zur unwägbaren politischen Belastung.
    «Die Reaktionen waren völlig ungerechtfertigt», schreibt Rich. Er glaubt an eine gezielte Kampagne: «Fast alle der negativen Stellungnahmen kamen von Leuten, die glaubten, dass es ihrer parteipolitischen Agenda helfen würde, Clintons Entscheid zu skandalisieren. Ich bedaure sehr, dass Bill Clinton in die Schusslinie geriet für etwas, von dem er dachte, es sei das Richtige. Umso mehr, weil ich unabhängig von der Begnadigung glaube, dass er einer der besten Präsidenten war, die die USA in ihrer jüngeren Geschichte hatten.»

    Marc Richs schillernde Laufbahn beginnt als amerikanischer Traum. Das jüdische Flüchtlingskind aus Europa, das kein Wort Englisch spricht, schafft es in der Neuen Welt dank Geschick und Tüchtigkeit zum Milliardär: Rich wird am 18. Dezember 1934 als Marc David Reich in Antwerpen geboren. Sein Vater David Reich, ursprünglich aus Deutschland, ist ein Kleinhändler, seine Mutter Paula Reich-Wang Hausfrau. Marc bleibt das einzige Kind der jüdisch-orthodoxen Familie, die bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ein unspektakuläres Leben führt. 1940 flieht sie vor der Invasion Belgiens durch die Nazis mit dem Auto ins unbesetzte Vichy-Frankreich. Ein Jahr später emigrieren sie mit dem Schiff von Marseille in die USA. In New York kann die Familie die erste Zeit bei Verwandten wohnen. Danach zieht sie zuerst kurz nach Philadelphia, weiter nach Kansas City und schliesslich zurück nach New York in den Stadtteil Queens, wo viele jüdische Immigranten leben. 1945 erhalten die Reichs die amerikanische Staatsbürgerschaft und nennen sich künftig Rich. «Die erzwungene Emigration hat in mir ein starkes Verlangen nach Unabhängigkeit geweckt», schreibt Rich auf die Frage, wie ihn die Flucht und das unstete Umherziehen geprägt haben.

Berufswunsch: «Business»
    Als Konsequenz der häufigen Ortswechsel geht der junge Marc auf der Primar- und Sekundarstufe fast jedes Jahr in eine neue Schule. Das macht es ihm schwierig, Freunde zu finden. Ein Pfadikollege und Zeltgenosse, der Schriftsteller Calvin Trillin, wird ihn als «ruhigsten Knaben im Lager» in Erinnerung behalten. Statt mit anderen Kindern zu spielen, hält sich Marc oft im Geschäft seines Vaters auf und arbeitet mit. Dieser handelt mit vielem; mit Schmuck, mit Autoersatzteilen, mit Tabak. Mit Jutesäcken, welche die Armee während des Koreakriegs (1950–1953) dringend für Sandsäcke braucht, bringt er es zu einem gewissen Wohlstand. Für den kleinen Marc ist das eine erste, praktische Lektion in der Ökonomie der Knappheit. «Mein Vater», antwortet Rich, «ist die Person, die mich am meisten beeinflusst hat. Wir flohen in die USA, und er schaffte es, aus dem Nichts ein bedeutendes Geschäft zu kreieren.» David Reich alias Rich wird von Bekannten der Familie als belesen geschildert, als anspruchsvoll, streng mit sich und der Familie, was die Arbeit und die Religion betrifft. Der Sohn übernimmt das Vorbild: «Beharrlichkeit», antwortet Rich auf die Frage nach seiner Stärke, «ich gebe nicht leicht auf.»
    Er sei «ein zielbewusster, aktiver und kreativer Junge mit einem entschlossenen Willen voranzukommen», heisst es in seiner Schulakte. Die private Rhodes School in Manhattan (die später auch Robert De Niro besuchte) schliesst er mit der sehr durchschnittlichen Note B minus ab. Ins Jahrbuch lässt er, keine 18 Jahre alt, seinen Berufswunsch notieren: «Business». Im Herbst 1952 schreibt er sich an der New York University ein, um Marketing zu studieren. Nach zwei Semestern ist Schluss. Im Frühling 1954, eben 19-jährig geworden, heuert er bei Philipp Brothers an, dem damals weltgrössten Rohstoffhändler, bei dem viele jüdische Emigranten aus Deutschland arbeiten. Beim Job-Interview wird geprüft, ob er komplizierte Berechnungen im Kopf anstellen kann. Er schlägt sich so gut, dass er auf der Stelle angestellt wird. Für 40 Dollar die Woche beginnt er im «Mailroom», in der internen Postabteilung. Was eigentlich als Sommerjob gedacht ist, wird zur lebenslangen Passion. «Ich war vom Rohstoffhandel sofort fasziniert», schreibt Rich, «vor allem von der Grösse der Märkte. Nehmen Sie zum Beispiel Aluminium oder Öl. Diese Substanzen finden Sie in praktisch jedem Produkt, das Sie anfassen. Die ganze Welt braucht sie, vom Osten in den Westen, vom Norden in den Süden.»
    Im «Mailroom», wo via Telex Informationen aus der ganzen Welt eintreffen, kann ein ehrgeiziger, cleverer Lehrling viel vom Handelsgeschäft mitbekommen. Wer kauft? Wo? Wer verkauft? Wohin? Zu welchen Preisen? Mit welchen Margen? «Rich lernte verblüffend schnell», erzählt ein Metallhändler von damals, «was einmal gesagt wurde, behielt er in Erinnerung.» Schnell steigt der junge Rich vom «Mailroom» in die «Traffic»-Abteilung auf und darf dort die Aufträge der Händler abwickeln, also Zollpapiere abfertigen, Schiffe anmieten, den Transport organisieren. Er lernt das Handwerk von der Pike auf und beginnt mit Kupfer und anderen Metallen zu handeln. Bald schon macht das Wort vom «Wunderkind» die Runde, und es heisst, er sei der «rising star» der Firma.

Architekt des modernen Rohstoffhandels
    «Ehrgeiz», schreibt Marc Rich in seinem Brief, «mich treibt, wie die meisten anderen Menschen, Ehrgeiz an. Die Menschheit kam durch Ehrgeiz voran. Einige wollten höher klettern oder schneller rennen, andere wollten fliegen oder tauchen. Ich wollte Erfolg im Geschäft haben.» Auf meine Frage, wieso ausgerechnet ihm das so durchschlagend gelungen sei, antwortet er mit dem bewährten Händlerwitz: «Buy low, sell high», kaufe billig, verkaufe teuer. Ernsthaft schiebt er nach: «Die wichtigsten Bestandteile sind: harte Arbeit, harte Arbeit, harte Arbeit. Und gute Mitarbeiter. Natürlich hilft auch ein wenig Glück.»
    Richs Name ist untrennbar mit einer wirtschaftlichen Revolution verbunden. Er gilt als eigentlicher Erfinder des Spotmarkts und damit als Architekt des modernen Rohstoffhandels. Wer sein Auto an einer Tankstelle füllt, macht eine Art Handel «on the spot», an Ort und Stelle: Er braucht Benzin, ist mit dem angebotenen Preis zufrieden, kann es ohne weitere Verpflichtungen tanken, sofort bezahlen und weiterfahren. Bis Anfang der siebziger Jahre war das im Ölgeschäft die grosse Ausnahme. Nur etwa fünf Prozent des Rohöls wurden frei nach Angebot und Nachfrage gehandelt, 95 Prozent der Ölproduktion wechselten auf der Basis von langfristigen Verträgen und zu fixen Preisen den Besitzer. Der Markt wurde seit dem Zweiten Weltkrieg von den «Sieben Schwestern» dominiert, wie die führenden Konzerne genannt wurden: BP, Chevron, Esso, Gulf, Mobil, Shell und Texaco kontrollierten den Handel mit Erdöl – von der Förderung an der Quelle über die Raffinerien und den Transport bis zum Verkauf an der Tankstelle. Ein klassisches Oligopol, das den Förderländern und Konsumenten den Preis praktisch diktieren konnte.

Gute Beziehungen zum Iran und Irak
    Die Macht der Sieben Schwestern beginnt ab Ende der 1960er Jahre zu bröckeln. Die Staaten mit den grössten Ölreserven – vor allem Saudi-Arabien, Irak, Iran und Kuwait – machen sich daran, ihre Industrie zu verstaatlichen. Der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec), erst 1960 gegründet, gelingt es langsam, ein Gegengewicht zu den Konzernen zu bilden, Förderquoten durchzusetzen und damit die Preise zu erhöhen. Im Jom-Kippur-Krieg, im Oktober 1973, setzen die arabischen Staaten ihre Ressource als Druckmittel ein und verhängen einen Lieferboykott gegen die westlichen Länder, die Israel unterstützen, allen voran gegen die USA. Der Preis für ein Barrel Rohöl vervierfacht sich von 3 auf 12 Dollar, was die Industrieländer in eine schwere Wirtschaftskrise stürzt.
    Wollen sie die Dominanz der Konzerne nachhaltig brechen, brauchen die Förderländer unabhängige Händler. Es wird die Stunde von Marc Rich, der für seinen Arbeitgeber auf der halben Welt unterwegs gewesen ist, von Bolivien bis nach Indien, und die letzten zehn Jahre die Madrider Filiale von Philipp Brothers geleitet hat. Ihm eilt der Ruf voraus, Trends schneller zu erkennen, grössere Risiken einzugehen und auf den Märkten aggressiver aufzutreten als die meisten anderen Händler. So hatte er das Ende des alten Systems kommen sehen und bei Philipp Brothers, die bis anhin vor allem im Metallgeschäft stark war, schon Ende der sechziger Jahre eine Ölhandelsabteilung gegründet und kleinere Mengen an iranischem Rohöl gehandelt. Nun gelingt es ihm, an den Seven Sisters vorbei, ein unabhängiges Vertriebssystem mit eigenen Tankern zu entwickeln. Dank seinen guten Beziehungen zum Iran und Irak, die er schon zu Zeiten seiner Kupfer-Geschäfte knüpfte, kommt er an Öllieferverträge. Während die anderen Händler in den USA auf dem Trockenen sitzen, hat Philipp Brothers alles – dank Marc Rich. Er kann im Iran und Irak Öl kaufen und den grossen amerikanischen Raffinerien liefern – zum Doppelten des Weltmarktpreises. Der arabische Boykott wird für ihn zum Segen.
    Auch das sollte zu einem seiner Erfolgsgeheimnisse werden: Marc Rich schafft es seine ganze Karriere lang, Regierungen und Handelspartner zusammenzubringen, die offiziell nichts miteinander zu tun haben wollen – oder denen es von einer Regierung verboten ist, etwas miteinander zu tun zu haben. Araber mit Israelis; Kapitalisten mit Kommunisten; Diktatoren mit Demokraten. Ein unschätzbares Talent, das ihm neben vielen Geschäften grössten Ärger einbringen wird.
    «Ich arbeitete im Rohstoffhandel, als das Oligopol der sieben Ölfirmen zusammenbrach», schreibt mir Rich auf die Frage, wie er zum Wegbereiter des revolutionären Spotmarkts geworden ist. «Die Welt brauchte ein neues System, um Erdöl von den produzierenden zu den konsumierenden Ländern zu bringen. Genau dies tat ich. Ich war die richtige Person zur richtigen Zeit am richtigen Ort.»
    Ein grandioses Understatement. Rohöl kann ab Mitte der siebziger Jahre freier, besser und zu transparenteren Preisen gehandelt werden als je zuvor. Tanker und Raffinerien – also die Fixkosten – werden effizienter eingesetzt als bis anhin von den Ölkonzernen und Regierungen. Unabhängige Vermittler wie Marc Rich können tun, was die Seven Sisters aus Konkurrenz- und Kostengründen nicht tun: Sie verkaufen die halbe Ladung eines Tankers zum Beispiel an einen Abnehmer in Italien und die andere Hälfte an dessen Konkurrenten in Spanien. Allfällige Überschüsse finden schneller einen Käufer, Versorgungslücken werden schneller gestopft. Der Spotmarkt bringt einen Produktivitätsschub, der die ganze Branche umkrempelt – und nicht zuletzt den Konsumenten zugute kommt.
    Das Handelshaus Philipp Brothers macht 1973 dank Rich immense Profite. Das hätte ihm, wäre es nach den internen Richtlinien gegangen, einen Bonus von 1,5 Millionen Dollar eingebracht. Er wird ihm verweigert. «Keine einzelne Person verdient einen siebenstelligen Bonus», bescheidet ihm das Management. Brüskiert und beleidigt, kündigt Rich – obwohl er bereits als künftiger Chef von Philipp Brothers gehandelt wird. Zusammen mit Pincus Green, seinem engsten Geschäftspartner, der als das «logistische Hirn» der Firma gilt, macht er sich selbständig. Am 23. April 1974 gründen sie die Marc Rich & Company AG. Als Hauptquartier wählen sie Zug. Neben den tiefen Steuern zieht es die beiden wegen der zentralen Lage in die Schweiz und wegen der Neutralität, die ihre internationalen Geschäfte begünstigt. Wenn es stimmt, was Rich-Leute von damals erzählen, kommt es zu einer eigentlichen Fehde mit dem früheren Arbeitgeber, angefangen damit, dass ein halbes Dutzend der besten Händler mit nach Zug kommt. Lieber, so heisst es seinerzeit, mache Marc Rich mit einem Geschäft Verlust, als es Philipp Brothers zu überlassen.
    Die neue Firma beginnt klein, in einer Vierzimmerwohnung im wenig glamourösen Riedmatt-Quartier in Zug. Der Telex, erzählen Veteranen, steht aus Platzgründen in der Toilette. Rich, damals gut vierzig Jahre alt, pflegt eine ausgeprägte Meritokratie. Er legt wenig Gewicht auf eine akademische Ausbildung und vertraut seinen Angestellten so viel Verantwortung an, wie sie tragen können. Lehrlinge, wie er einst einer war, können zu Stars werden und mehr Geld als ein Investmentbanker verdienen. Rich gilt als ausgesprochen grosszügiger Arbeitgeber, der seine Angestellten an der langen Leine lässt. Die Firma, heisst es stolz, habe wohl mehr Millionäre hervorgebracht als jedes andere Unternehmen in der Schweiz. «Die Person muss ein inneres Feuer haben, eine Leidenschaft fürs Business», antwortet Rich auf die Frage nach seinem wichtigsten Anstellungskriterium, «sie muss unabhängig arbeiten können und ausdauernd sein.»
    So fordernd, wie er ist, wissen es die Angestellten zu schätzen, dass er sich Zeit für sie nimmt. Ganz Patron, erkundigt er sich regelmässig nach ihren Familien und kümmert sich sogar um Angehörige, denen es schlechtgeht. Er besucht Mitarbeiter auf der ganzen Welt, um ihre Ansichten zu hören. «He is a listener», sagt ein ehemaliger Rich-Händler, «er ist ein guter Zuhörer.» Einer seiner Topmanager sagt: «Die flache Hierarchie und die Politik der offenen Tür geben den Ton an. Marcs Verhalten gegenüber seinen Mitarbeitern schafft ein Familiengefühl. Man ist stolz, für ihn zu arbeiten.» Gerne wird auch die Geschichte erzählt, wie er auf Besuch im New Yorker Büro einer Sekretärin, die ihn nicht erkannte, im Vorbeigehen half, die Schreibmaschine zu flicken. Zugleich ist seine Ungeduld gefürchtet, seine leisen, schneidenden Kommentare, wenn ihm etwas nicht passt – und seine Anrufe zu jeder Tages-, Nacht- und Ferienzeit.
    Schon im ersten Geschäftsjahr 1974/75 macht die Marc Rich & Company einen Reingewinn von 28 Millionen Franken bei einem Umsatz von über einer Milliarde Franken. 1980 verdient sie bereits 406 Millionen Franken, hat einen Umsatz von 25 Milliarden – und bezahlt 25 Millionen Steuern. Innert weniger Jahre steigt die Firma zu einem der erfolgreichsten und grössten Handelshäuser der Welt auf. Während später in Artikeln und Büchern von Kokain-Exzessen und sexuellen Eskapaden zu lesen sein wird, die zu dieser Zeit angeblich stattfinden sollen, beschreiben Mitarbeiter und Freunde Marc Rich als bescheiden. «Es ist nichts Prahlerisches an ihm», sagt ein ehemaliger Mitarbeiter, der sich daran erinnert, dass sein Chef noch als Multimillionär eine billige Seiko-Quarzuhr trug. «Mein Vater lehrte mich, den Wert des Geldes zu schätzen», schreibt Danielle Rich, die jüngste von drei Töchtern, in einem «Liber Amicorum», das Freunde zu seinem 70. Geburtstag zusammenstellten. «Er gab mir nicht einfach Geld oder kaufte mir alles, was ich wollte. Stattdessen bekam ich ein Taschengeld und musste hart dafür arbeiten. Er machte uns immer klar, dass wir glücklich sein müssen mit dem, was wir haben. Dass wir das nicht einfach für selbstverständlich nehmen dürfen, weil wir es, wie im Zweiten Weltkrieg, auch wieder verlieren könnten.»

Tod der eigenen Tochter
    Auf 1500 Millionen Dollar schätzt das amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes sein aktuelles Vermögen. «Reichtum bedeutet natürlich immer Unabhängigkeit und Komfort», schreibt Marc Rich auf die Frage, was ihm Geld bedeutet, «das heisst aber auch, dass ich Benachteiligten mit meinen Stiftungen helfen kann.» Drei wohltätige Stiftungen hat er eingerichtet und über 135 Millionen Dollar gespendet. 4000 Projekte aus Bildung, Kultur, Wohlfahrt und Gesundheitswesen haben in den letzten zwei Jahrzehnten davon profitiert, vor allem in der Schweiz, in Israel und in Spanien. Es sei, schreibt Rich, «berührend und zutiefst befriedigend» zu sehen, welche Wirkung eine Schule oder ein Spital in einer benachteiligten Gegend habe. Seine grosszügigen philanthropischen Aktivitäten sind ein wichtiger Grund, dass sich neben internationalen Persönlichkeiten wie dem damaligen israelischen Premierminister Ehud Barak auch verschiedene Schweizer Notabeln bei Bill Clinton für seine Begnadigung einsetzten, der Basler Galerist Ernst Beyeler etwa, Sozialdemokrat Josef Estermann, der seinerzeitige Zürcher Stadtpräsident, oder UBS-Banker Pierre de Weck.
    Eine der Stiftungen, die Gabrielle Rich Leukemia Research Foundation, hat er nach seiner mittleren Tochter benannt. Gabrielle erkrankt 1992, als sie 23 Jahre alt ist, an Leukämie. Um ihr die besten Ärzte zu ermöglichen, willigt Marc Rich ein, sie in den USA behandeln zu lassen. Vier Jahre später liegt sie in einem Spital in New York im Sterben. Rich bittet die amerikanischen Behörden um freies Geleit, weil er seine Tochter noch einmal lebend sehen wollte. Sie lehnen ab.
    «Auch nach all diesen Jahren sind der Schmerz und der Kummer noch da», schreibt er auf meine Frage, ob man nach dem Tod der eigenen Tochter je wieder glücklich sein könne, «ich bin wieder glücklich, aber weniger, als ich es war, als sie noch bei uns war».

Lesen Sie nächste Woche, wie die USA Marc Rich aus der Schweiz entführen wollten, wo er eigene Fehler einräumt und was er zur Kritik an seinen Geschäftsmethoden sagt.





Ausgabe 21 - 24.5.07

Marc Rich - Der Mann, der seinen Namen verlor
Daniel Ammann

    Gegen den Willen der USA wird Marc Rich zum weltgrössten Rohstoffhändler. Er handelt mit Castro, Pinochet und Ajatollah Chomeini. Die Amerikaner verfolgen ihn als Landesverräter. «Das Schlimmste war das Gefühl, keinen fairen Prozess zu erhalten», sagt Rich. Teil II der Saga.
    Ein Überfall von historischer Bedeutung wird für Marc Rich zum Segen und dann zum Fluch: Am 4. November 1979 stürmen dreihundert iranische Studenten, die sich «Jünger des Imams» nennen, die amerikanische Botschaft in Teheran. Aufgehetzt vom neuen islamistischen Regime unter Ajatollah Chomeini nehmen sie 52 Geiseln und demütigen sie, mit gefesselten Armen und verbundenen Augen, vor den internationalen Fernsehkameras.
    Präsident Jimmy Carter verhängt ein striktes Embargo und verbietet allen amerikanischen Bürgern jeglichen Handel mit dem Iran, der bis zum Sturz des Schahs neun Monate zuvor einer der engsten Verbündeten in der Region gewesen war. Kein iranisches Erdöl darf mehr in die USA verkauft werden. Der Ölpreis explodiert – von 6 Dollar auf bis zu 40 Dollar –, die Versorgung Amerikas ist gefährdet. Vor den Tankstellen bilden sich Autoschlangen, im ganzen Land werden aus Solidarität mit den Geiseln gelbe Bänder an die Haustüren gehängt. Ein Befreiungsversuch mit Militärhelikoptern misslingt, acht amerikanische Soldaten sterben. Erst nach 444 Tagen nationaler Schmach und Ohnmacht werden die Geiseln freigelassen.
    Der amerikanische Boykott gegen den Iran wird, nach der Ölkrise von 1973, zur zweiten grossen Chance für Marc Rich – und zur lebenslangen Hypothek. Dem Rohstoffhändler in Zug gelingt es, auch mit den neuen Machthabern im Iran ins Geschäft zu kommen, die jetzt politisch unabhängige Vermittler besonders nötig haben. In der Anklage des New Yorker Staatsanwalts Rudolph Giuliani wird es heissen, die Marc Rich & Co habe von der nationalen iranischen Ölgesellschaft mindestens 6,25 Millionen Barrel gekauft und für 200 Millionen Dollar verkauft – «zu einer Zeit, als amerikanische Staatsbürger im Iran als Geiseln gehalten wurden».
Die Affäre beginnt relativ harmlos: Im Herbst 1981, ein halbes Jahr nach dem Ende der Geiselaffäre, wird die Marc Rich & Co von Konkurrenten aus Texas bei der Justiz angeschwärzt. Die Untersuchungsbehörden in New York, wo das Schweizer Unternehmen eine Filiale hat, stossen auf angebliche Steuerhinterziehung und Vergehen gegen Handelsbestimmungen. Sie werfen Marc Rich und seinen Firmen im Wesentlichen vor, die staatliche Ölpreiskontrolle umgangen zu haben, die Präsident Nixon während der ersten Ölkrise 1973 verhängt hatte (und die gründlich fehlschlug). Die illegalen Gewinne soll die Marc Rich & Co nach Zug umgeleitet haben. Mindestens 48 Millionen Dollar an Steuern, so die Anklage, seien auf diese Weise dem amerikanischen Fiskus entzogen worden.
    Keine Lappalie, gewiss. Aber die Vorwürfe, die von Marc Rich und seinen Leuten kategorisch bestritten werden, wären wohl schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwunden, spielten die Justizbehörden nicht einen Trumpf aus, von dem sie wissen, dass er ihnen breite Publizität und politischen Support garantieren wird: Sie greifen auf ein Gesetz aus dem Jahr 1917 zurück, das eigentlich für Kriegszeiten gedacht ist. Als Staatsanwalt Rudolph Giuliani am 19. September 1983 vor den Medien laut aus der Anklageschrift vorliest, betont er jede Silbe einzeln: «Trading with the enemy.» «Handel mit dem Feind» wirft er Marc Rich persönlich vor. Und Morris «Sandy» Weinberg, der Untersuchungsrichter, wird sagen: «Mit dem Feind zu handeln, ist so ungeheuerlich: Das zeigt, was Rich von der amerikanischen Staatsbürgerschaft hält.»
    Ein Landesverräter! Die ganze Wut und Trauer, welche die Geiselaffäre in den USA ausgelöst hatte, prasseln jetzt schonungslos auf Rich nieder. Wenn man schon die Ajatollahs nicht zur Rechenschaft ziehen kann, dann wenigstens den Mann, der mit ihnen Geschäfte macht. «Marc Rich handelte mit den Iranern, als sie unsere Leute folterten», fasst Howard Safir die Stimmung zusammen: «Er gehört nicht zu den Guten.» Die Wortwahl des damaligen Operationschefs des U.S. Marshals Service, der Rich in den kommenden Jahren um die Welt jagen sollte, verrät: Fortan wird die Affäre nicht mehr unter einem primär juristischen Standpunkt betrachtet. Es geht den Amerikanern um scheinbar Höheres als das Recht; es geht um die Moral.
    Die drei wichtigsten Exportartikel der USA, so das Bonmot, sind: Rockmusik, Bluejeans –und ihre Sicht der Dinge. Die Amerikaner definieren auch in der Causa Rich, wer die Guten und die Bösen sind. Die New Yorker Justiz verlangt ultimativ alle Geschäftsunterlagen von der Marc Rich & Co in Zug. Richs Anwälte halten das Offensichtliche fest: dass seine Firma eine Schweizer Firma ist, die sich nach Schweizer Recht und Gepflogenheiten richtet. Als solche durfte sie zu jeder Zeit mit iranischem Erdöl handeln. Allein, die US-Justiz kümmert dies nicht. Um an die Akten zu kommen, verhängt ein New Yorker Richter kurzerhand eine Beuge-Busse von 50000 Dollar (damals gut 125000 Franken) gegen die Marc Rich & Co – pro Tag.

USA verletzen Schweizer Souveränität
    Was die Amerikaner besonders frustriert: Sie können Marc Rich nicht verhaften. Er war einige Monate vor der Anklageerhebung nach Zug gezogen, wo er seit 1974 den Geschäftssitz hatte. Damit ist er vor dem Zugriff der USA sicher, leistet doch die Schweiz weder bei Steuerhinterziehung noch bei politischen Delikten Rechtshilfe. Und er ist zu diesem Zeitpunkt gar kein Bürger der USA mehr. Schon im September 1982 verzichtete er auf die amerikanische Nationalität und liess sich in Spanien einbürgern, wo er zehn Jahre lang gelebt hatte. «Ich schwor auf den spanischen König und gab meine US-Staatsbürgerschaft offiziell auf», informierte er per Brief die US-Konsulin in Zürich: «Ich bin kein amerikanischer Bürger, und ich will keiner sein.» Die Amerikaner werden das unbeirrbar ignorieren.
    Die Causa Rich wird für Jahre zu einer der ärgsten diplomatischen Belastungen zwischen der Schweiz und den USA, gravierender noch als später die Auseinandersetzung um die nachrichtenlosen Gelder. Dass ein amerikanischer Richter unter rekordhoher Busse die Herausgabe von Geschäftsunterlagen einer Schweizer Firma verlangt, bezeichnet der Bundesrat als «unzulässigen Eingriff in die schweizerische Gerichtsbarkeit». In der Weltwoche vom 29. September 1983 ist zu lesen, die USA degradierten die Schweiz zu einer «Bananenrepublik». Der Schweizer Botschafter in Washington übergibt dem Department of State eine offizielle Protestnote: «Anordnungen einer fremden Macht, die auf schweizerischem Hoheitsgebiet Auswirkungen haben, verletzen die schweizerische Souveränität.» Die Bundesanwaltschaft lässt bei Richs Firmen sogar Akten beschlagnahmen, um zu verhindern, dass sie in den USA landen.

  Herr Rich, fühlten Sie sich von den Schweizer Behörden genügend gestützt?
Die amerikanischen Behörden lieben es, ihre bestimmte politische und rechtliche Sicht der ganzen Welt aufzuzwingen. Ich war und ich bin zufrieden, wie die Schweiz ihrem historischen Image gerecht wurde und dem Druck einer so grossen Nation standhielt: Sie hat sich nicht verbeugt.
  Wieso eskalierte Ihr Fall derart?
Ich glaube, es war eine Kombination von politischen Problemen und davon, dass zu der damaligen Zeit ein Sündenbock gebraucht wurde.
    Wieso sollen die USA ausgerechnet Sie herausgegriffen haben?
Ich wurde nicht von den USA, sondern von Individuen herausgegriffen, die eindeutig persönliche Interessen hatten und Karriere machen wollten. Das politische und rechtliche System der USA hat überdies eine lange und sehr bekannte Geschichte von starken Überreaktionen. Sie schiessen häufig mit Kanonen auf Spatzen.
    Was war Ihr grösster Fehler in der Affäre?
Ich unterschätzte die Fanatiker auf der amerikanischen Seite. Ihre persönlichen Interessen und Empfindungen standen einer fairen Lösung im Weg. Und ich hörte am Anfang auf die falschen Anwälte. Eigentlich wollte ich mit der Staatsanwaltschaft ins Gespräch kommen, aber meine damaligen Anwälte empfahlen mir, alles abzublocken und ihr die Stirn zu bieten. Das war ein Fehler, der das Problem massiv verschärfte.
  Zweifeln Sie am amerikanischen Rechtsstaat?
Ich glaube an die Rechtsstaatlichkeit. Leider ist sie, wie alles Menschliche, nicht immer perfekt. Winston Churchill sagte einmal: «Du kannst darauf zählen, dass die Amerikaner stets das Richtige tun – nachdem sie alles andere versucht haben.»
  Was war das Schlimmste?
Das Schlimmste war das Gefühl, dass ich keinen fairen Prozess erhalten würde und dass ich von den Medien und der Öffentlichkeit vorverurteilt und verleumdet wurde. Die Ohnmacht.
    Ein Jahr nach der Anklage schicken sich zwei Rich-Firma en in den USA in einen Vergleich und erklären sich im Oktober 1984 für schuldig, 50 Millionen Dollar Steuern hinterzogen zu haben. 200 Millionen Dollar (damals gut 500 Millionen Franken) an Nachsteuern, Steuern und Bussen bezahlen sie. Im Gegenzug hebt die Regierung alle Restriktionen auf und gibt blockierte Gelder der Firmen frei. Marc Rich will den Vergleich heute nicht als echtes Schuldeingeständnis sehen, wie er schreibt: «Es ist eine Besonderheit des amerikanischen Rechtssystems, dass Leute in bestimmten Fällen mit dem Staatsanwalt eine Vereinbarung aushandeln. Das machen sie sogar häufig, wenn sie unschuldig sind, weil das schneller und billiger ist als der Gerichtsweg.» Die Firmen seien in den Vergleich gezwungen worden, heisst es aus Richs Umfeld. «Unfair» sei er gewesen, aber «unvermeidbar», um zu überleben.

Staatsanwalt Giuliani macht Karriere
    Nach seinen Firmen versucht auch Marc Rich selber etliche Male, mit den Justizbehörden zu reden, um den Fall vergleichsweise abschliessen zu können. Noch einmal 100 Millionen Dollar bietet er dafür, heisst es in einem Bericht des amerikanischen Repräsentantenhauses, das die Begnadigung untersuchte. Staatsanwalt Giuliani und Untersuchungsrichter Weinberg lehnen kategorisch ab. «Mir wurde diese Möglichkeit verweigert. Man muss sich fragen, ob dies aus persönlichen und politischen Gründen geschah», schreibt Rich. Als einer seiner Anwälte Untersuchungsrichter Weinberg fragt, was er denn verlange, buchstabiert dieser nur: J-A-I-L. Jail, Gefängnis. Rich lässt ausrichten, dass er es nie akzeptieren werde, auch nur einen einzigen Tag im Gefängnis zu verbringen.
    Die Chance auf eine gütliche Einigung ist endgültig vertan. Die Affäre, die harmlos begann, wird dermassen heiss gekocht, dass man sie nicht mehr ohne Gesichtsverlust regeln kann. Sie eskaliert – was nicht zum Schaden der drei Hauptakteure auf amerikanischer Seite ist, die Karriere machen. Staatswanwalt Rudolph Giuliani wird später zum Bürgermeister von New York gewählt und gilt heute als aussichtsreicher Kandidat der Republikaner für die Präsidentschaft. Untersuchungsrichter Morris «Sandy» Weinberg wird zum Staatsanwalt ernannt und hat heute in Florida eine gutgehende Anwaltskanzlei, die auf ihrer Website noch immer mit dem Fall Rich wirbt. Polizeiagent Howard Safir, der Rich jagte, wird von Giuliani erst zum Feuerwehr- und später zum Polizeikommandanten von New York befördert.
    Marc Rich dagegen findet wenig Sympathien. Seine Geschäfte werden von links bis rechts kritisiert. Ausgerechnet er, der stets betont, dass seine Firmen «unpolitisch» agieren, gerät immer tiefer in die politischen Mühlen, weil er mit allen handelt, die mit ihm handeln. US-Politiker ereifern sich, dass er mit Libyen Geschäfte macht, «als US-Ölfirmen sich komplett aus dem Land zurückgezogen hatten». Dass er der Sowjetunion Getreide abkauft, obwohl die USA 1980 einen Boykott gegen sie erlassen hatten. Dass er Anfang der neunziger Jahre mit Fidel Castros Kuba Zucker handelt, was amerikanischen Staatsbürgern bei einer Strafe von zehn Jahren Gefängnis verboten ist. Der Iran, Libyen, die Sowjetunion, Kuba – es sind die Länder, welche die USA gerne als Schurkenstaaten bezeichnen, seit sie nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollen. Die Linke wiederum stösst sich daran, dass er auch Augusto Pinochets Chile, Sani Abachas Nigeria oder das südafrikanische Apartheidregime als Geschäftspartner akzeptiert.
    Geschickt bauen Marc Rich und sein Partner Pincus Green beste Beziehungen zu den herrschenden Eliten auf und kommen so regelmässig schneller als die Konkurrenz an exklusive Verträge. Das erfahren Manager des Ölkonzerns Exxon auf kuriose Weise. Ende der siebziger Jahre müssen sie nach Angola reisen, um die Öllieferungen aus dem südafrikanischen Land neu zu verhandeln, da dort ein marxistisches Regime die Macht ergriffen hat. Die weissen Manager warten in einem Sitzungszimmer auf die Verhandlungen. Als die Tür aufgeht, tritt statt der erwarteten schwarzen Kommunistenfunktionäre – Pincus Green ins Zimmer und begrüsst die verblüfften Exxon-Repräsentanten mit einem herzhaften «How ya doin’?». «Wenn westliche Ölfirmen angolanisches Öl wollten, mussten sie sich an Marc Rich und Pincus Green wenden», heisst es im Begnadigungs-Bericht des Repräsentantenhauses zu dieser Anekdote.
    Derlei Geschichten wecken den Verdacht auf Korruption. Rich sei reich geworden, weil er «ohne ethische oder moralische Hemmungen» Geschäfte gemacht habe, steht im Parlamentsbericht: «Sein Handelsimperium basierte auf der systematischen Bestechung von korrupten Beamten.» Konkret werden ein Chef der staatlichen Ölgesellschaft des Irans genannt, ein nigerianischer Minister, ein jamaikanischer Präsident. Auch wenn dieser Bericht vor allem durch seine flagrante Einseitigkeit auffällt: Ohne Schmiergelder sind die Geschäfte der damaligen Marc Rich & Co tatsächlich kaum vorstellbar. Viele Rohstoffe finden sich in Ländern, die nicht gerade zu den Fackelträgern der Demokratie zählen. Als «Fluch der Ressourcen» bezeichnen Ökonomen das Phänomen, dass ausgerechnet in jenen Staaten, die grosse Vorkommen an Öl, Gas oder Edelmetallen besitzen, Armut, Korruption und Misswirtschaft grassieren.

    Beamte oder Politiker zu schmieren, um in der Dritten Welt an Geschäfte zu kommen, mag je nach Moralvorstellung als unfein, mehr noch: als unethisch empfunden werden. Und doch war es gängige Praxis, längst nicht nur für Rohstoffhändler: Ausländische Amtsträger zu bestechen, war in der Schweiz (und in vielen anderen Ländern) bis vor kurzem völlig legal. Die Firmen konnten solche Schmiergelder – laut einem Kreisschreiben der Eidgenössischen Steuerverwaltung aus dem Jahre 1946 – bis vor wenigen Jahren sogar «als geschäftsmässig begründeten Aufwand» von den Steuern abziehen. Richs Firmen, betonen seine Anwälte jeweils, wenn sie auf Korruption und Umgehungsgeschäfte angesprochen werden, hätten nie Schweizer Gesetze oder Embargobestimmungen verletzt.

  Wieso sehen Sie es als richtig an, auch mit Ländern Geschäfte zu machen, die Demokratie und Menschenrechte missachten?
Nehmen Sie China oder Vietnam als Beispiel. Wenn Sie ihnen Computer, Mobiltelefone, Fernsehgeräte verkaufen, wird die Bevölkerung imstande sein, zu sehen, was auf der Welt los ist. Sie kann sich so ihre eigene, unabhängige Meinung machen. Das ist der wichtigste Bestandteil für jede Demokratie. Wenn Sie also mit diesen Ländern Güter handeln, helfen Sie ihren Bürgern.
  Ist es nicht moralisch falsch, mit solchen Regimes zu handeln, weil sie dadurch gestützt werden?
Die Kubaner zum Beispiel sind als Volk nicht «schlecht». Wegen des Embargos der USA müssen viele Kinder und alte Leute unnötig leiden. Trotzdem hat das vierzig Jahre alte Embargo es nicht geschafft, Fidel Castro zu beseitigen.
  Kann es freie Märkte ohne Demokratie geben?
Freie Märkte können vorübergehend ohne Demokratie existieren. Aber: Die Kombination von freien Märkten und modernen Kommunikationsmitteln wie dem Internet – die von freien Märkten immer sofort angewandt werden – wird ein Land langsam in eine Demokratie überführen.
    Gibt es Geschäfte, die Sie nachträglich bereuen?
Man kann nicht immer gewinnen. Wenn man ein Geschäft abschliesst, tat man sein Möglichstes, um es zum Erfolg zu bringen. Es liegt in der Natur der Sache, dass Geschäfte manchmal misslingen. Dann weint man ein wenig und macht weiter.
    Sie figurierten auf der Most-Wanted-Liste des FBI, sie wurden als einer der schlimmsten Wirtschaftskriminellen der amerikanischen Geschichte bezeichnet. Wie geht man damit um?
Meine Familie, meine Freunde und meine Geschäftspartner unterstützten mich stets, weil sie es besser wussten.
  Wie haben Sie es geschafft, Ihre Firma gegen den Widerstand des mächtigsten Landes der Welt zum Unternehmen zu machen, das in der Branche die Massstäbe setzt?
Vielleicht, weil andere Staaten die Sicht der USA nicht teilten und sich konsequent weigerten, instrumentalisiert zu werden und den Kreuzzug gegen mich mitzumachen. Unsere Geschäftspartner kannten uns als ehrliche, verlässliche und konkurrenzfähige Firma, und darum machten sie weiterhin Geschäfte mit uns.
    Im Rückblick erstaunt der geradezu groteske Aufwand, den die amerikanische Regierung 17 Jahre lang betreibt, um Richs habhaft zu werden. Und er zeigt auch, dass es in der Causa Rich nicht mehr nur um den Mann und seine angeblichen Verfehlungen gehen konnte. Zu viele Karrieren hängen mittlerweile an seinem Namen. Allein von 1984 bis 1990, so zeigt der Bericht des Repräsentantenhauses, werden 19,2 Mannjahre eingesetzt, um Rich zu fassen. Diverse Male reisen Polizeioffiziere der USA heimlich in die Schweiz – getarnt als Touristen – und verletzen damit wiederholt die Schweizer Souveränität.
1984 wollen US-Beamte den Rohstoffhändler in Geheimdienstmanier in Zug überwältigen und heimlich ausser Landes schaffen, wie Howard Safir vom U.S. Marshals Service später bestätigt. Er erzählte dem Kongress, wie er selber versuchte, Rich in Zug abzupassen: «Die Schweizer Polizei bekam aber Wind davon und drohte mir persönlich, uns zu verhaften.» Es ist einer von vielen Flops. «Rich plante seine Reisen sehr gut», erzählte Safir. «Wir verpassten ihn nur um ein paar Stunden in England, um einen oder zwei Tage in Jamaika, wir versuchten auch, ihn in Deutschland zu erwischen, aber er wich uns jeweils sehr geschickt aus.» Diese Geheimoperationen werden «extraordinary renditions» genannt, «Sonder-Überstellungen» – eine Strategie, die im «War on Terror» wieder aktuell ist.
    Fünf internationale Haftbefehle bleiben ebenso wirkungslos. Im Herbst 1987 soll Marc Rich in Paris bei einem Treffen mit einem afrikanischen Öl-Minister verhaftet werden, Codename «The Otford Project», doch sagt der Rohstoffhändler das Meeting kurzfristig ab. Wenig später bekommen die Amerikaner den Tipp, Rich werde mit einem Privatflugzeug an eine Party in London fliegen. Sie warten vergeblich am Biggin Hill Airport in Kent: Wegen dicken Nebels muss das Flugzeug in die Schweiz zurückkehren. Im September 1992 verrät ein finnischer Geschäftspartner dem FBI, Rich fliege nach Helsinki. Kurz vor der Landung lässt dieser, offensichtlich gewarnt, das Flugzeug wenden. Ob im Februar 1992 in Prag, im April 1992 im tadschikischen Duschanbe oder im September 1992 in Moskau: Jedes Mal kann sich Rich der Verhaftung entziehen – und nährt damit die Gerüchte, er werde insgeheim vom israelischen Geheimdienst Mossad protegiert.

Eine diplomatische Grösse in Nahost
    Kein absurder Gedanke. Jeder Geheimdienst der Welt muss daran interessiert sein, mit einem Mann zu kooperieren, der über Beziehungen wie Marc Rich verfügt und immer wieder seine Fähigkeit bewiesen hat, scheinbar unmögliche Partner zusammenzubringen. Tatsächlich ist Rich im Nahen Osten, was fast niemand weiss, eine diplomatische Grösse. 1985 erschiesst ein ägyptischer Polizist auf dem Sinai sieben israelische Touristen, darunter vier Kinder. Nur wenige Jahre nach dem Friedensvertrag belastet das Massaker von Ras Burqa die ägyptisch-israelischen Beziehungen schwer. Rich organisiert darauf im Geheimen einen ägyptischen Entschädigungsfonds für die israelischen Opfer und finanziert ihn gleich selber mit 400000 Dollar. Er unterstützt auch die Umsiedlung von Juden aus dem Jemen, Äthiopien und der Sowjetunion nach Israel, dessen Staatsbürgerschaft er besitzt. Und Ende der neunziger Jahre unterstützt er den Friedensprozess tatkräftig. Er bietet sich hinter den Kulissen sogar an, die wirtschaftliche Entwicklung in den palästinensischen Gebieten mit grösseren Investitionen voranzubringen.
    Um mit sechzig Jahren etwas kürzerzutreten und sich intensiver um seine wohltätigen Stiftungen kümmern zu können, verkauft Marc Rich seine Firma 1993/94 schrittweise dem Management. Auch das ist sein Vermächtnis: Die Glencore, wie die Firma neu genannt wurde, machte letztes Jahr einen Umsatz von 116,5 Milliarden Dollar (rund 140 Milliarden Franken). Damit ist sie am Umsatz gemessen das grösste Unternehmen der Schweiz, noch vor Nestlé (98,5 Milliarden). Gewinne werden nicht bekanntgegeben, nimmt man aber die branchenübliche Marge von ein bis zwei Prozent, kommt man auf mindestens 1,5 bis 3 Milliarden Franken pro Jahr (und entsprechend hohe Steuerzahlungen).
    Ohne Marc Rich, das steht fest, gäbe es in der Innerschweiz nicht das, was die Ökonomen einen «Cluster» nennen: eine Konzentration von Rohstoff-Firmen, die wie die Glencore in irgendeiner Form auf ihn zurückgehen. Dank seiner Pionierarbeit sind heute Zug und Luzern weltführende Zentren für den Ressourcenhandel. Er selber sieht das bescheidener: «Zentrale Lage, gute Verbindungen, wenig Bürokratie», lautet seine Antwort auf die Frage, wieso heute derart viele hiesige Firmen Rohstoffe handeln: «Ich bewundere an der Schweiz auch den Grad der Freiheit und die Berechenbarkeit ihres Rechtssystems.» Zwar habe er keinen Schweizer Pass, schreibt er, «aber ich fühle mich sehr glücklich und absolut zu Hause in der Schweiz». Heute hat Rich, der 72 ist, in Zug noch ein Unternehmen mit ein paar Dutzend Angestellten. Die Marc-Rich-Gruppe handelt nicht mehr mit Rohwaren, sondern investiert in den Finanzmärkten und baut, vor allem in Osteuropa und Spanien, Geschäftskomplexe und Wohnhäuser.
    In den letzten Jahren ist es Marc Rich gelungen, fast so diskret zu leben, wie er es am liebsten hat. Die Scheidung von seiner zweiten Frau Gisela ging im Juni 2005 nahezu unbemerkt über die Bühne. «Ruhe», schreibt er, «bereitet mir grosses Glück.» Obwohl er das Grab seiner Tochter Gabrielle gerne besucht hätte, ist Rich nie mehr in die USA gereist. Trotz der Begnadigung, die ihm Präsident Bill Clinton an dessen letztem Arbeitstag am 20. Januar 2001 gewährt hatte. Führende Steuerexperten seien zum Schluss gekommen, dass Rich gar keine Steuern hinterzogen habe, rechtfertigte Clinton den Gnadenakt in seinen Memoiren. Ähnliche Anklagen seien zudem auf zivilrechtlichem Weg erledigt und nicht strafrechtlich verfolgt worden. Marc Rich bleibt vorsichtig. «Es ist im amerikanischen Rechtssystem nicht möglich, eine Bestätigung dafür zu erhalten, dass alle juristischen Verfahren eingestellt wurden», schreibt er in seinem Brief, «die haben vielleicht noch eine dreissig Jahre alte, unbezahlte Parkbusse von mir und machen einen grossen Rechtsfall daraus.»

Exfrau Denise spendet für die Clintons
    Die neugewonnene Ruhe, das zeichnet sich bereits ab, wird nicht von Dauer sein: Denise Rich, die Mutter seiner drei Töchter, von der er sich 1996 scheiden liess, unterstützte seine Begnadigung sehr aktiv. Sie ist eine prominente Komponistin in New York, die mehrfach für einen Grammy nominiert war, den Sister Sledge mit «Frankie» zu einem Welt-Hit verhalf und für Grössen wie Aretha Franklin, Diana Ross oder Marc Anthony Lieder schrieb. Denise Rich gilt aber auch als grosszügige Sponsorin der Demokratischen Partei – sie hat ihr über eine Million Franken gespendet – und speziell von Bill und Hillary Clinton.
    Das werden die politischen Gegner der demokratischen Präsidentschaftskandidatin auszuschlachten wissen, zu denen ausgerechnet der ehemalige Staatsanwalt Rudolph Giuliani gehört, der seine Karriere auf der Verfolgung Richs aufbaute. Der amerikanische Wahlkampf, so viel ist sicher, wird den Namen «Marc Rich» wieder in die Schlagzeilen bringen. Er wird in den Medien wieder zum «flüchtigen Milliardär» werden, zum «meistgesuchten Wirtschaftskriminellen», zum «Schurken», der «mit dem Feind» handelte und seine Begnadigung «erkaufte».
    Rich mag mit Fleiss und Genialität den Aufstieg vom jüdischen Flüchtlingsjungen zum mächtigsten Rohstoffhändler seiner Zeit geschafft haben. Er mag die Art revolutioniert haben, wie wir handeln. Er mag ein grosser Philanthrop und einer der wichtigsten Globalisierer des zwanzigsten Jahrhunderts sein.
    Die Macht über seinen Namen aber hat Marc Rich verloren. Für immer.





October 16, 2009

Book on Marc Rich Details His Iran Oil Deals
By JAD MOUAWAD

Marc Rich, the former fugitive oil trader long criticized for his business ties to nations like Iran, South Africa and Cuba, has acknowledged in a new book that his dealings with those nations were more extensive than previously disclosed.

In more than 30 hours of conversations with a Swiss journalist, Daniel Ammann, the usually tight-lipped Mr. Rich gave an extensive account of his oil trading from the 1970s through the 1990s.

Those dealings, which straddled ideological lines from Ayatollah Khomeini’s Iran to Fidel Castro’s Cuba and from the apartheid regime of South Africa to the leftist Sandinista government in Nicaragua, are recounted in Mr. Ammann’s book, “The King of Oil: The Secret Lives of Marc Rich,” released this week by St. Martin’s Press.

In 1983, Mr. Rich was indicted by the United States on charges of tax evasion as well as trading with an enemy state, Iran. He fled the United States and became one of the nation’s most infamous fugitives over the next two decades.

Mr. Rich told the author that while on the run, he provided intelligence to American diplomats about Iran, the Soviet Union and other countries. He was granted a controversial pardon by President Bill Clinton on the last day of his presidency.

In the interviews with Mr. Ammann, Mr. Rich claimed that South Africa was his largest and most important client. The author estimated that Mr. Rich earned over $2 billion trading with South Africa from 1979 to 1993.

Mr. Rich also offered details about how much oil he bought from Iran — before and after the Islamic revolution — even as President Jimmy Carter imposed sanctions on the country after 53 Americans were taken hostage in November 1979.

After the Iranian revolution, the national oil company continued to sell 40 million to 75 million barrels of oil a year to Mr. Rich’s company, abiding by previous agreements with the government of Shah Mohammad Reza Pahlavi. Mr. Rich continued to buy oil from Iran until 1994, when he sold his company.

“They respected the contracts,” Mr. Rich told Mr. Ammann. “We performed a service for them. We bought the oil, we handled the transport and we sold it. They couldn’t do it themselves, so we were able to do it.”

At the same time, Mr. Rich kept Iranian oil flowing to Israel even after the new government in Tehran severed diplomatic relations with Israel.

From 1973 to 1993, Mr. Rich said he was Israel’s most important oil supplier, delivering 7 million to 15 million barrels a year.

“Being Jewish, I didn’t mind helping Israel,” Mr. Rich is quoted as saying. “On the contrary.”

Mr. Ammann, the business editor at the Swiss weekly magazine Die Weltwoche, said Mr. Rich remained unapologetic, adding in an interview: “He showed no remorse whatsoever.”

Throughout that period, Mr. Rich claims he provided valuable information to the State Department as well as the Mossad, Israel’s intelligence service.

“Its agents were in regular contact with the fugitive trader,” according to the book. “They wanted his opinions on various ‘key people in power’ in some of the politically sensitive countries where he did business,” especially Iran, Syria and Russia.

Mr. Ammann also recounts attempts to bring Mr. Rich to justice in the United States. After failing to secure an extradition from Swiss authorities, American agents unsuccessfully tried to kidnap Mr. Rich, according to the book. The author cites one plan, which was never carried out, that involved landing a helicopter in Zug to snatch Mr. Rich away.

Asked why Mr. Rich had chosen to confide in him, Mr. Ammann said: “There is a funny word in German for this — altersmilder — which means the kindness of old age. Marc Rich is now 74, and maybe he realized that if he didn’t talk, no one would see his side of the story.”


français¦ Original
09.4269   Motion

Eingereicht von / introduced by    Freysinger Oskar
Einreichungsdatum  / date of submission    11.12.2009
Eingereicht im Nationalrat / submitted in Swiss National Council
Stand der Beratung    Im Plenum noch nicht behandelt / not yet debated
Erstbehandelnder Rat     Nationalrat / first debated in National Council

National damages due to negligence of bilateral treaties

The Federal Council is requested to also block the eventual extradition to the United States of Roman Polanski and protected data, at least as long as it is not established that such action would not damage any sovereignty or other essential Swiss interests. In the event, the United States would have to provide adequate guarantees that it would not amount to a further alibi exercise aimed in fact at subverting our ordre public. Guarantees that it would not either undermine the economic courant normal which is a critically important feature of the permanent Swiss neutrality, e.g. in relation to Iran, and which was jeopardized in the case of the US extradition request for Marc Rich. And guarantees that its real objetive were not to fine-tune the machinery for arresting further globe-trotting Swiss bankers, lawyers and other fiduciaries [www.solami.com/extradition.htm].

Development

The undersigned members of the Swiss National Council take exception to the Federal Council's declaration, made in Parliament on December 7, 2009 (09.5624), stating that Switzerland "cannot refuse" the extradition to the United States of persons and protected data.

According to time-tested practices of international public law and valid treaties (SR 0.142.113.361; SR 0.351.933.6; SR 0.353.933.6; EU/US Agreement on mutual legal assistance vom 25.6.03[www.solami.com/USEU.htm]), in relation with the most-favored-nation clauses contained in the latter, it automatically falls on the competent authorities to also examine and, in the event even in penal cases, to refuse the extradition of persons or protected data, in light of the general clauses concerning the protetion of "sovereignty, security, ordre public and other essential interests." This is the more so as the treaty partners - either tacitly or explicitly - have established and continued a corresponding bilateral practice (as is the case in Swiss-American relations in the wake of the strongly rejected US extradition request for Marc Rich who was prosecuted for "trading with the enemy" - www.solami.com/marcrich.htm).

The spontaneous inquiries and data transmissions to US authorities which preceeded the arrest of Roman Polanski on September 29, 2009, have produced not only an avoidable additional burden on our foreign relations but have made this arrest possible in the first place. In order to avoid further auto-goals, a detailed investigation of these actions and corresponding corrective measures are called for. Our dignity, sovereignty and peculiar interests are to be better safeguarded, as other cases of foreign ambitions have shown to be possible.

Co-signatories (15)
Baettig Dominique, Baumann J. Alexander, Bigger Elmar, Bignasca Attilio, Glauser-Zufferey Alice, Glur Walter, Kaufmann Hans, Kunz Josef, Perrin Yvan, Reimann Lukas, Reymond André, Schenk Simon, Schibli Ernst, Stamm Luzi, von Rotz Christoph