Thinking Things Over
zum heutigen "Repos!" eines Grand Commis de la Confédération
 
Dein Händedruck war stets herzlich, willkommen-heissend und zart,
so sehr, dass Dein Vorgesetzter Dich offenkundig bevorzugt duldete -
vermutlich weniger wegen, sondern trotz Deiner intellektuellen Brillianz.
Schon Dein Vorgänger, Rudolf B., hinterliess nachhaltige Spuren:
wenn auch weit weniger penetrant, unnahbar und primadonnenhaft,
auch Dein Operationsniveau war oft unhelpfully abgehoben.
Andererseits mag es auch für Dich sprechen,
dass Du es bis ins Vorzimmer des Bundesrates schafftest -
ohne je Deinen internen und externen Sherpas zurückgerufen zu haben.

Im Gegensatz zu manchem greenhorn und Unverbesserlichen in der Runde,
Du beanspruchtest nie ein Monopol für gute Ideen.
Mit Dir konnte man deshalb Rosse stehlen -
auch wenn diese im Nachhinein sich manchmal als Esel herausstellten:
die Bürgerrechts-Novelle, die neue SchKG-Arrestklausel,
und das weitereiternde Sidik-Desaster sprechen für allzuviele.

Durch Rückschläge unbeirrt, res publica war stets Deine vocation.
Deine aus tiefen Quellen schöpfende Resonanz,
Dein Rat und Deine diskrete Signalweiterleitung und -steuerung
trugen in unzähligen Fällen beachtliche Früchte.

Symptomatisch der Fall des auflüpfigen Auslandschweizers Guido P.
dessen verdienstvolle Bürgerart einen Westflügel-Seldwyler veranlasste
den Genfer Fiskus auf den in Paris praktizierenden Guido zu hetzen.
Ein Entwurf für eine parlamentarische Anfrage dazu genügte Dir,
um den entgleisten EDA-Dünnbrettbohrer in no time dazu zu bringen,
mit abgesägten Hosen und geneigten Hauptes den Rückzug anzutreten.

Instruktiv auch der Fall der von Belgien betrogenen Kongo-Schweizer.
Ihr Vertreter Paul B. hatte jahrelang von Brüssel Gerechtigkeit erwartet,
ohne einzusehen, dass dies Träumern und Amateuren vorbehalten ist.
Erst auf Deinen Rat hin und mit Deiner Mitwirkung
kam dann die zukunftsweisende sogenannte "interne Lösung" zustande,
welche die geschädigten Pensionsberechtigten endlich zufriedenstellte.

Die von Dir betreute amicus curiae i.S. Aerospatiale
ist der 1815er Neutralitätserklärung von Pictet de Rochemont würdig;
sie gehören beide zu den Sternstunden der Schweizer Aussenpolitik.
Seither, und in neuester Zeit in zunehmend beunruhigendem Masse,
hat man dagegen eher Anlass von Schwachstunden zu reden -
again not because but despite of your valiant best efforts!

Alles in allem: not too bad for a modest man,
a classical scholar and a fin connaisseur of the art of the possible.
Und ein Ansporn für manch andere, hier und dort,
es Dir gleichtun zu wollen.

Salve!         Anton Keller

Genf, 30.September 1998