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Shadow Banking


20.Nov 12    SNB und Finma ohne genaue Kenntnisse: Schwer fassbare Schattenbanken, NZZ, gho./ti
20.Nov 12    Financial Stability Board: Die Schattenbanken im Visier, NZZ, Martin Lanz
20.Nov 12   Blackrock: Die grösste Schattenbank der Welt, Tages-Anzeiger, lü
20. Nov 12   Schattenbanken sind unverzichtbar fürs System, finews, Martin Hess
19.Nov 12   Unbeaufsichtigte Finanzgeschäfte:Schattenbanken sind größer als vor der Finanzkrise, Süddeutsche Zeitung
19.Nov 12   Maurice Pedergnana: «Schattenbanken sind ein Schönwettersystem», Tages-Anzeiger, Simon Schmid
19. Nov 12   Schattenbanken-System wächst bedrohlich, finews
18 Nov 12   Global Shadow Banking Monitoring Report 2012, Financial Stability Board FSB
8.Nov 12   Wer gilt denn überhaupt als Schattenbank?, finews, Martin Hess
2.Okt 12   Susanne Schmidt: "Banker meinen, der liebe Gott hätte sie zum auserwählten Volk erklärt", Süddeutsche Zeitung. Oliver Das Gupta et al.




Süddeutsche Zeitung    2.Oktober 2010

Susanne Schmidt:
"Banker meinen, der liebe Gott hätte sie zum auserwählten Volk erklärt"
Interview: Oliver Das Gupta und Hans-Jürgen Jakobs

Ökonomin Susanne Schmidt war jahrzehntelang Teil der Finanzwelt und misstraut darum den Banken. Die Tochter des Altkanzlers über Klüngel zwischen Wirtschaft und Politik, sinnlose Appelle und Forderungen aus ihrer SPD nach Verstaatlichung der Geldinstitute.

Tochter Susanne Schmidt zwischen Altbundeskanzler Helmut Schmidt und seiner (inzwischen verstorbenen) Frau Loki (Archivbild von 2009 bei der Feier zu Helmut Schmidts 90. Geburtstag) (© dpa)

Susanne Schmidt kam 1947 in Hamburg als Tochter des späteren Bundeskanzlers Helmut Schmidt und seiner Frau Loki zur Welt. Die promovierte Volkswirtin arbeitete unter anderem bei der  Deutschen Bank in London. Zwischen 1991 und 2009 arbeitete Schmidt als Wirtschaftsjournalistin für Bloomberg TV, wo sie eine Fernsehsendung moderierte. Schmidt veröffentlicht in diesen Tagen ein neues Buch über die Finanzkrise, das den Titel "Das Gesetz der Krise: Wie die Banken die Politik regieren" trägt und im Droemer-Verlag erscheint.

Zum Interview bittet Susanne Schmidt morgens um neun Uhr in den Frühstücksraum ihres Frankfurter Hotels, in dem sie während der Buchmesse wohnt. Typisch hanseatisch klingt sie, als sie  erzählt, wie sie und ihr Mann das Büro im Eigenheim in England untergebracht haben. Später, während des Interviews, hebt sie zum Tadel schon mal freundlich, aber bestimmt den Zeigefinger. Frühstücken will Schmidt nicht, das hat sie schon am frühen Morgen erledigt.

SZ: Frau Schmidt, Sie haben in den achtziger Jahren bei Banken in London gearbeitet. Wie hat die City sich seitdem verändert?
Susanne Schmidt: Im Vergleich zu heute war das damals ein relativ gemütlicher Verein. Keiner arbeitete zu hart. Jeder hatte sein Netzwerk, aber es ging auch schon damals nicht alles völlig transparent zu. Heute arbeiten die Meisten nicht mehr für ihr Institut, sondern nur noch für sich selbst.

Hat sich auch das Selbstverständnis der Geldhäuser verändert?
Allerdings. Die Banken verstanden sich noch mehr als Teil der Gemeinschaft und fühlten sich auch dem Gemeinwohl verpflichtet. Das ist zum großen Teil abhandengekommen - nicht nur bei den Banken, sondern auch bei anderen Großunternehmen. Sicherlich, es gibt Sparkassen und andere Institute, die sich sehr wohl noch als Teil ihrer Stadt verstehen.

Wie konnte es zu dieser Wandlung kommen?
Deregulierung, Shareholder Value, Thatcher, Reagan, Kurzfristigkeit, Fixierung auf Aktienkurse: All diese Punkte forcierten diese Entwicklung. Und als dann aus den USA die immensen Boni kamen, übernahmen das die Banker gerne auch hier. Das war prima, das wollte man auch haben, kam einem ja einem direkt zugute. Es kristallisierte sich ein Klüngel heraus. Da pflegte man sich mit demjenigen in der Gruppe zu messen, der am meisten verdiente.

Ihr alter Arbeitgeber, die Deutsche Bank, sagt nun sinngemäß: Wir haben Fehler gemacht in der Krise. Wir haben verstanden, wir wollen wieder Dienstleister sein. Glauben Sie das?
Das sind Aussagen, die ich fast jeden Tag in der Zeitung lesen kann. Nur sind die Namen der Banken austauschbar, sie sagen alle das Gleiche. Aber wir sollten uns nicht täuschen lassen. "Wir haben verstanden" ist nicht die neue Haltung der Banken, sondern deren neue Redensart. Die globalen Banken haben momentan zweifellos eine schlechte Zeit, da ist wenig Profitabilität und viel Druck. Aber das liegt nicht etwa an der Neuregulierung.

Die Banken wollen also wie bisher weitermachen?
Ich habe nicht das Gefühl, dass die Banken ihre Geschäftsmodelle tatsächlich ändern.

Die Deutsche Bank etwa hat den Handel mit toxischen Papieren eingestellt.
Sicher, wir sehen Bemühungen. Aber es ist eben derzeit in Mode und es kommt gut an in den Medien und bei der Politik. Wenn die Deutsche Bank nun sagt, dass sie nicht mehr mit diesem oder jenem Nahrungsmittelindex handelt, ist das wunderbar. Aber warten wir mal ab, was in drei Jahren ist. Ich kann das nicht ernst nehmen. Nehmen Sie das denn den Banken ab?

Wir registrieren das und wollen die Banken beim Wort nehmen. Wenn es bei Ankündigungen bleibt, ist das entsprechend zu kritisieren. Aber ist es richtig, zu einer Generalverdammung der Banken auszuholen?
Ich verdamme Banken nicht, ich will nur die Auswüchse beschneiden. Viele Menschen in meinem Umfeld sagen sogar: "Du hast viel zu viel Verständnis für die Banken."

Sagt das Ihr Vater?
Der sowieso (lacht). Ich habe nichts gegen Banken generell, habe viel zu lange dort selbst gearbeitet. Aber ich glaube, dass viele globale Bankmanager vor allem auf den Druck der Straße reagieren, hier und da ein Zugeständnis machen und ansonsten Sonntagsreden halten. Da ist viel Augenwischerei dabei.

In Ihrem Buch warnen sie vor Selbstbeschränkungserklärungen der Banken: "Appellieren an die Vernunft, die Ethik, die Fairness wird nicht weiterhelfen". Wie ist das Selbstbild der großen Geldmanager?
Im Grunde genommen glauben sie, die Welt zu regieren. Sie meinen, der liebe Gott hätte sie zum auserwählten Volk erklärt. Und deshalb stünde ihnen erhebliche Prosperität zu - und das Sagen zu haben. Dieses Selbstverständnis ist im Laufe der Finanzkrise leiser geworden, aber es ist nicht weg. Wie präsent es ist, zeigt der Satz des Ex-Barclays-Chefs Bob Diamond, der erklärte, die Zeit der Reue sei vorbei.

Diamond stürzte über eine Manipulationsaffäre. Glauben Sie, dass noch weitere Skandale aus der Zeit vor der Krise aufgedeckt werden?
Worauf ich immer noch warte: Eine strafrechtliche Verfolgung der Zusammenarbeit zwischen Ratingagenturen und Investmentbankern. Ich wundere mich schon seit Jahren, dass da noch niemandem ein großer Prozess gemacht worden ist.

Sie vermuten gezielte Absprachen?
Dass es welche gab, weiß jeder. Aber noch nicht, dass die Kooperation in einer Intensität und Weise erfolgte, die man strafrechtlich verfolgen kann. Da müsste eigentlich noch was kommen. Die Schwierigkeit dabei ist, die Absprachen zu beweisen. Es muss leichter sein, solche Missetaten strafrechtlich zu belangen und die Leute vor den Kadi zu bringen.

In Ihrer Partei, der SPD, gibt es Stimmen die nach einer Verstaatlichung der Banken rufen. Wäre das eine Lösung?
Davon halte ich nichts. Politiker und Bürokraten sind mit Sicherheit nicht die besseren Banker. Die schustern sich vielleicht nicht die Boni zu, aber dann eben Parteifreunden die Finanzierung des Lieblingsprojektes. Vor wenigen Jahrzehnten war es für die "nationalen Champions" unter den Banken auch noch selbstverständlich, der Politik zu helfen, wenn sie rief. Das ist nicht mehr der Fall. Das Renditedenken und die Aktionäre lassen es nicht zu.

Zu Großaktionären gehören inzwischen auch Hedgefonds. Bergen sie nicht inzwischen viel größere Risiken als die Universalbanken?
In der Tat scheint das wuchernde System der Schattenbanken außerhalb des Blickhorizontes zu sein. Immer mehr verlagert sich zu ihnen, immer öfter übernehmen sie Bankenaufgaben. Eigentlich hat sich seit Ausbruch der Finanzkrise kaum etwas getan, um diesen Bereich besser unter Kontrolle zu bekommen. Hedgefonds müssen sich jetzt registrieren lassen? Da kommen mir doch die Tränen!

Der Vermögensverwalter Blackrock bewegt deutlich mehr Geld als zum Beispiel die Deutsche Bank.  Trotzdem liegt der Fokus der Debatte auf den Universalbanken. Führen wir also die falsche Diskussion?
Wir sollten nicht die Diskussion über Universalbanken durch eine Diskussion über Institute im Schattenbankensystem ersetzen. Beides muss Teil einer großen Diskussion werden.

Warum mögen Sie eigentlich den Begriff Euro-Krise nicht?
Den Begriff haben sich Banker ausgedacht, um zu suggerieren: Die Bankenkrise ist vorbei, nun steckt der Euro in der Krise. Fakt ist: Wir haben Probleme in Europa als direkte Folge und Bestandteil der Finanzkrise. Manche wollen uns weismachen, unser Geld sei bald nichts mehr Wert. Dem wird nicht so sein. Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass der Euro zur Schwachwährung wird.

Dass Wirtschaftswoche und Spiegel mit dem Thema Inflation aufmachen, halten Sie für eine Verirrung?
Nein. Aber ich halte die Fixierung in Deutschland auf die Inflationsgefahr für zu einseitig. Das hat historische Gründe. Manche warnen gar vor Weimarer Verhältnissen. Das ist nicht seriös, sondern geht in Richtung Hysterie. Dass Deflation ebenfalls immense Gefahren in sich birgt, wird hierzulande ausgeblendet. Auf der Inflations-Angstmache-Welle schwimmen Medien und manche Kommentatoren mit populistischen Anwandlungen.

Ist Jens Weidmann für Sie ein Populist?
Natürlich nicht. Aber mit dem neuen Bundesbankpräsidenten hat sich eine neue Kommunikationspolitik in seinem Hause breit gemacht. Sie ist sehr effizient, in ihrem Sinne erfolgreich. Aber ich bin der Meinung, nationale Zentralbanken sollten ihre Sträuße innerhalb eines geschlossenen Raumes ausfechten. Nach außen sollten sie geschlossen auftreten. Ich halte es für eine schlechte Entwicklung, dass so ein angesehenes und zu Recht respektiertes Institut wie die Bundesbank das Vertrauen in unsere Notenbank - die EZB - untergräbt.

Halten Sie das Handeln der EZB für alternativlos?
Der Ausdruck ist ein Unwort. Man muss immer in Alternativen denken und ihre Konsequenzen aufzeigen. In diesem Fall lautet sie: Hätte die EZB im Geiste der Bundesbank vor 30 Jahren agiert, wäre uns die Währungsunion schon lange um die Ohren geflogen. Sie wäre ungeordnet auseinandergebrochen. Mit katastrophalen wirtschaftlichen und politischen Folgen.

Sie sprechen von Gesprächen und geschlossenen Räumen. Was spricht denn dagegen, wie in den USA, Protokolle der Notenbanksitzungen zu veröffentlichen?
Die Sitzungsprotokolle zu publizieren halte ich für keine schlechte Sache, aber ohne Namensnennung. Denn in der EZB sitzen Vertreter der Mitgliedsstaaten mit nationalen Interessen. Man würde also noch mehr Politik hineintragen. Ich meine nicht, dass die Öffentlichkeit völlige Transparenz über Notenbankenbeschlüssen bekommen sollte. Es gibt ja nicht nur Bürger wie Sie und mich und Müllers von nebenan, sondern auch die Finanzmärkte, die sofort reagieren.




finews    8.November 2012

Wer gilt denn überhaupt als Schattenbank?
Martin Hess

Um globale Risiken im Schattenbankensektor einzudämmen, müssten andere Staaten vorangehen, allen voran die USA, findet Martin Hess von der Bankiervereinigung.
Martin Hess ist Leiter Wirtschaftspolitik bei der Schweizerischen Bankiervereinigung

In einem am Montag publizierten Brief an die G20 hat das Financial Stability Board (FSB) angekündigt, die ursprünglich für Sommer in Aussicht gestellten Empfehlungen zur Regulierung von Schattenbanken bald in die öffentliche Konsultation zu schicken.

Die Erwartungen sind hoch, denn trotz scharfer Rhetorik aus der Politik gegen die weissen Flecken in der Regulierungslandschaft blieben bis anhin die Rezepte zur Eindämmung der Risiken weitgehend unverbindlich.

Viele Unklarheiten
Mit gutem Grund: Die Wirkungsweisen von verschiedenen Einflüssen im Schattenbankensektor wurden bis anhin nicht systematisch analysiert.

So ist bis heute nicht einmal klar, welche Akteure überhaupt als Schattenbanken gelten. Abb. 1 zeigt, was das EU-Parlament als Schattenbank ansieht und welche Akteure sich in deren Dunstkreis befinden.


(Quelle: SBVg, Abb. 1: Abgrenzung von Schattenbanken)

Sollten Anpassungen der Rahmenbedingungen ins Auge gefasst werden, bedarf es aber mehr als nur definitorischer Abgrenzungen. Es braucht auch einen Blick auf die FSB-Weltkarte der Schattenbanken. Auf dieser ist die Schweiz nicht eingezeichnet (s. Abb. 2).


(Abb. 2: Weltkarte der Schattenbanken)

Geht es darum, globale Risiken im Schattenbankensektor einzudämmen, dann müssen andere Staaten vorangehen, allen voran die USA. Vor allem aber braucht es eine robuste Ermittlung der globalen Risiken.

Sinnvolle Empfehlungen
Diese rühren gemäss FSB von Ansteckungsgefahren des regulären Bankensystems, intransparenten Strukturen und Regulierungsarbitrage. Zu letzterem stellt Axel Weber, Verwaltungsratspräsident der UBS, treffend fest, dass die Gefahr der Abwanderung in den Schattenbankensektor umso mehr zunimmt, je stärker die Banken reguliert sind.

Ich habe Vertrauen in die Fähigkeit des FSB, sinnvolle Empfehlungen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Rückstand auf die Marschtabelle dürfte zwar ein Hinweis auf nicht reibungslose Gespräche im Hintergrund sein.

Zwei Voraussetzungen
In dieser komplexen Materie dürfte es sich aber lohnen, sich nicht von den grossmundigen Forderungen politischer Exponenten zu einem Schnellschuss drängen zu lassen, sondern sich gegebenenfalls noch intensiver mit der Materie auseinanderzusetzen.

Für eine Verschärfung von Aufsicht und Regulierung der Schattenbanken müssen meiner Meinung nach zwei Voraussetzungen zwingend gegeben sein. Erstens bedarf es zwingend eines Nachweises, dass von den Schattenbanken systemische Risiken für das Finanzsystem ausgehen. Zweitens muss zudem festgestellt werden, dass in diesen Bereichen Regeln fehlen oder ungenügend sind.

Unglaublich frisch
Beim Studium der Empfehlungen des FSB werde ich auf dem Pult die «Richtlinien für Finanzmarktregulierung» als treues Referenzwerk des Eidg. Finanzdepartements aufgeschlagen haben. Angesichts der turbulenten Zeiten scheint es fast unglaublich, dass ein älteres Dokument aus dem Jahr 2005 noch heute derart frisch und treffend daherkommt.




finews    19. November 2012

Schattenbanken-System wächst bedrohlich

Der wenig oder gar nicht-regulierte Bereich des Finanzsystems nimmt laufend zu – nicht zuletzt auf Grund der massiv verschärften Gesetze und Bestimmungen.
Das Volumen (Kredit und Liquidität) der so genannten Schattenbanken stieg per Ende letzten Jahres auf 67 Billionen Dollar, wie das Financial Stabilit Board (FSB) am Wochenende mitteilte.

Anfang der Finanzkrise 2007 lag der vergleichbare Wert noch bei 62 Billionen Dollar, wie diverse Medien, darunter das «Schweizer Fernsehen» oder die «Handelszeitung» berichten.

Da Schattenbanken grossteils nicht reguliert sind, werden sie auch von den härteren Regulierungen, die weltweit auf den Bankensektor angewandt werden, nicht stark tangiert. Daher sieht der Finanzstabilitätsrat (FSB) konkreten Reaktionsbedarf.

Systematische Risiken
Denn Schattenbanken könnten systemische Risiken verursachen und Marktreaktionen verstärken, wenn Liquidität knapp sei, schreibt der FSB gemäss dem Wirtschaftsmagazin «Businessweeek».

«Eine angemessene Überwachung und ein regulatorischer Rahmen für das Schattenbanken-System müssen eingeführt werden», fordert der FSB in seinem eben veröffentlichten Bericht.

Lesen Sie auch: «Wer gilt denn überhaupt als Schattenbank?»

Über die Gefahren, die von einem Schattenbanken-System ausgehen, sprach unlängst auch UBS-Präsident Axel Weber.




Tages-Anzeiger    19.November 2012

Maurice Pedergnana:
«Schattenbanken sind ein Schönwettersystem»
Simon Schmid

Niemand kennt die Risiken, die im globalen Schattenbankensystem schlummern: Finanzprofessor Maurice Pedergnana über eine dringend nötige Finanzreform.

Quelle: Report 2012, Financial Stability Board FSB, p.10

Zur Person    Maurice Pedergnana ist Professor an der Hochschule Luzern. Der 47-Jährige ist zudem Chefökonom der Zugerberg Finanz AG sowie Geschäftsführer der Swiss Private Equity and Corporate Finance Association (Seca).

Artikel zum Thema
Schattenbanken blähen sich wieder auf
Axel Weber und die Angst vor einem Schattenbanken-System
Bankenverband warnt vor pauschaler Regulierung von Schattenbanken
EU-Kommission will Schattenbanken unter strengere Aufsicht stellen

Empfehlungen des Financial Stability Board FSB
    Das Financial Stability Board (FSB) hat am gestrigen Sonntag einen lang erwarteten Bericht über das Schattenbankensystem veröffentlicht. Darin beziffert das FSB das Ausmass des Schattenbankensystems für verschiedene Länder (siehe Grafiken oben). Wie das FSB schreibt, ist das Schattenbankensystem 2011 auf 67 Billionen Dollar angewachsen.
    Weiter gelangt das FSB mit konkreten Politikempfehlungen an die Öffentlichkeit. Ziel ist eine stärkere Regulierung des Schattenbankensystems, um dessen Risiken für reguläre Banken zu minimieren.
    So sollen etwa Geldmarktfonds transparenter gemacht werden, um das plötzliche Abziehen von Investorengeldern zu verhindern. Weiter empfiehlt das Gremium Mindeststandards zur Berechnung von Verlusten aus verschiedenen Formen von Sicherheiten, die bei Repo-Geschäften benutzt werden.
    Mitglieder des FSB, das seinen Sitz bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel hat, sind Institutionen aus den G-20-Staaten sowie internationale Einrichtungen wie die Weltbank, die Europäische Zentralbank und die Europäische Kommission. Auch die Schweiz ist mit der Nationalbank und dem Finanzdepartement im FSB vertreten.

Das Schattenbankensystem
«Man kann das Schattenbankensystem nicht unabhängig vom regulierten Bankensystem betrachten», sagt Finanzexperte Maurice Pedergnana (siehe Interview).

Das Schattenbankensystem umfasst alle Finanzintermediäre, die bankähnliche Dienstleistungen erbringen, aber nicht über eine Bankenlizenz verfügen und folglich auch nicht über das Bankengesetz reguliert sind. Eine einheitliche Definition für das Schattenbankensystem existiert nicht.

Zum System dazugezählt werden so unterschiedliche Finanzmarktakteure wie Hedgefonds, Private-Equity-Gesellschaften, Geldmarktfonds, ausserbilanzielle Zweckgesellschaften und traditionelle Fondsgesellschaften. Typischerweise finden Teile des Investmentbanking von Grossbanken ausserhalb des regulierten Bankgeschäfts statt.Herr Pedergnana, das Schattenbankensystem ist grösser als je zuvor. Wie kommt das?
Die übergeordnete Logik des Wandels ist, dass die Finanzwelt von einem Hausbankensystem hin zu einem am Kapitalmarkt orientierten System übergeht. In einem solchen System landen Bankkredite nicht mehr zwingend in der Bilanz von Banken, sondern ausserhalb – in irgendwelchen Gefässen für irgendwelche Investoren.

Wie schädlich ist dieser Übergang?
Der Systemwechsel per se ist nicht das Problem. Nehmen wir das Beispiel der Hedgefonds – einem Teil des Schattenbankensystems. Diese Fonds halten nicht nur Papiere, sondern leihen sich aus den Wertschriftendepots einer Bank auch Papiere für den Leerverkauf aus. Man kann nicht sagen, dass dieses System per se destabilisierend ist. Fakt ist aber, dass das Schattenbankensystem als Ganzes sehr gefährlich werden kann.

«Schattenbanken»: Das tönt nach Unterwelt, nach Illegalität.
Das ist ein Missverständnis. Das passende Bild ist effektiv, dass es eine Seite des Bankensystems gibt, die von der Sonne beleuchtet wird – und eine andere Seite, die vergleichsweise dunkel ist. Ohne reguläre Banken kann das Schattenbankensystem gar nicht funktionieren. Bis anhin herrscht darüber allerdings viel zu wenig Transparenz. Aufschluss über die Ausserbilanzrisiken einer Bank erhalten Sie höchstens im Kleingedruckten – wenn überhaupt.

Welcher Mangel wiegt schwerer: der an Transparenz oder der an Vorschriften?
Das hängt von der Situation ab. Das Schattenbankensystem ist in der Quintessenz ein Schönwettersystem: Wenn Ausfälle in diesem Segment drohen, werden die Märkte extrem nervös. Die Akteure wissen letztendlich nicht, wo ihre Positionen abgerechnet werden. Das zeigt sich etwa am Beispiel von Lehman Brothers. Vier Jahre nach dem Zusammenbruch der Bank ist man noch immer daran, die Verpflichtungen und Ansprüche zu entflechten.

Hätte eine frühe Regulierung der Schattenbanken die Finanzkrise verhindert?
Das lässt sich nicht einheitlich sagen. Zum Teil hat das System eine blasenbildende, zum Teil eine mildernde Wirkung. Teile des Schattenbankensystems haben in der Krise sogar für Stabilität gesorgt. Deutsche Unternehmen, die über Private Equity finanziert wurden, haben die Krise beispielsweise besser überstanden als bankenfinanzierte Unternehmen. Andererseits gab es regulierte Finanzmarktteilnehmer wie AIG, die das Schattenbankensystem bewusst zur Risikosteigerung benutzt haben – ohne dass der Verwaltungsrat das wahre Ausmass der Risiken erkannt hätte.

Es heisst, die seit der Finanzkrise eingeführten, härteren Bankenregeln hätten selbst zur Abwanderung in die Schattenwelt geführt.
Die Ansicht ist berechtigt. Es heisst auch: «Geld ist immer schneller als der Regulator.» Auf neue Regulierungen reagiert die Finanzbranche jeweils mit grosser Kreativität. Sie nutzt jede Möglichkeit zur Regulierungsarbitrage – und das nicht erst seit der Finanzkrise. Allerdings versuchen Banken seit Jahrzehnten, Risiken aus ihrer Bilanz herauszunehmen und in Vehikel ausserhalb der Bilanz umzulagern. Obwohl weitsichtige Ökonomen dies seit langem kritisiert hatten, sahen die Behörden darin ursprünglich etwas Positives.

Doch dann bewirkte die Finanzkrise einen Sinneswandel.
Das Wissen der Regulatoren ist heute um ein Vielfaches grösser als zuvor. Doch es ist tatsächlich so: Die Regulierung des Schattenbankensystems liess lange auf sich warten und wurde durch die Inaktivität der Regulatoren begünstigt. Bankkredite mässiger Qualität, welche die Bilanz belastet hätten, wurden nach wie vor durch den Fleischwolf gedreht und künstlich zu Filetstücken aufgewertet. Was nicht wieder in der Bankbilanz landete, wanderte nochmals durch den Fleischwolf und blieb schlussendlich bei Finanzinvestoren hängen.

Sind die Behörden mit ihren Regulierungsvorschlägen nun auf dem richtigen Weg?
Absolut. Die Vorschläge der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sind stringent und überzeugend. Es sind keine überhasteten, sondern sauber durchdachte Massnahmen. Sowohl die amerikanische Notenbank wie auch die Europäische Kommission mit ihrem Grünpapier haben die Handlungsrichtung vorgespurt. Ein weiterer Vorteil ist, dass sich seit 2010 ein internationales Gremium wie das Financial Stability Board der Sache annimmt. Es braucht ein koordiniertes Vorgehen aller Länder, um die Transparenz im Schattenbankensystem zu erhöhen. Schwierig wird sein, die Regulierung in allen Märkten umzusetzen.

Wo liegen die Hindernisse?
Eines der grössten Risiken der Weltwirtschaft liegt in China. Das dortige Schattenbankensystem ist extrem intransparent – der Regulierungsbedarf ist riesig. Wenn sich das FSB-Papier in China nicht umsetzen lässt, könnte das zu grösseren Problemen führen. Im Westen haben die Investoren ja auch etwas genug von diesen «Special-Purpose-Vehikeln» der Banken bekommen. Doch das chinesische Bankensystem ist integral auf solchen Vehikeln aufgebaut. Ohne Schattenbankensystem, so sagt die Ratingagentur Fitch, wäre Chinas Bankensystem bereits kollabiert – und damit die Finanzierungsquelle für die am stärksten wachsende Volkswirtschaft der Welt.

In der Schweiz ist das Schattenbankensystem doppelt so gross wie das BIP. Was kommt da auf uns zu?
Wenn alle mitmachen, wird der weltweite Wettbewerb durch die neue Regulierung nicht verzerrt. De facto betroffen werden Obligationenfonds, ETFs, verbriefte Hypotheken sein: Das Geschäft der Schweizer Banken mit solchen Produkten wird zum Grossteil über Orte wie London, Guernsey oder die Cayman Islands abgewickelt. Man kann das Schattenbankensystem nicht national isoliert betrachten.

Wie soll sich die Schweiz verhalten?
Sie sollte auf keinen Fall einen Extrazug fahren. Die Schweiz ist ja selbst auch im Financial Stability Board vertreten. Sie sollte die Zusammenarbeit mit den anderen Regulatoren eins zu eins übernehmen.

Wird das Schweizer Bankensystem dadurch sicherer?
Nochmals: Das Schattenbankensystem funktioniert bei schönem Wetter bestens. Doch als Bergsteiger müssen Sie immer mit einem unerwarteten Wetterumsturz rechnen und deshalb Vorkehrungen treffen. Der Derivatmarkt gehört zum Alltagsgeschäft – auch von Kantonalbanken. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass man sich nicht einfach darauf verlassen kann, dass solche Märkte immer liquid sind. Eine erhöhte Transparenz – etwa mittels der Abwicklung von Derivatgeschäften über zentrale Gegenparteien, so wie es das FSB vorschlägt – macht diese Märkte sicherer.




Süddeutsche Zeitung    19.November 2012

Unbeaufsichtigte Finanzgeschäfte
Schattenbanken sind größer als vor der Finanzkrise

Sie betreiben oft riskantere Geschäfte als normale Banken, unterliegen aber in der Regel keinerlei Aufsicht: Sogenannte Schattenbanken wurden mitverantwortlich gemacht für den Ausbruch der Finanzkrise. Ihr Einfluss auf das globale Finanzsystem ist seither gestiegen.
     Sie sind die dunkle Materie der Finanzmärkte: Schattenbanken. In diese Kategorie fallen Finanzinstitute, die bankähnliche Aufgaben übernehmen, aber nicht der Bankenaufsicht unterliegen - also etwa manche Hedgefonds. Häufig richten Banken solche Tochtergesellschaften ein, um Finanzgeschäfte außerhalb der eigentlichen Bilanzen zu tätigen. Eindeutig ist die Definition allerdings nicht.


Für seinen Jahresbericht sammelt der Finanzstabilitätsrat Daten aus 25 Ländern, die insgesamt 90 Prozent des weltweiten Kapitals ausmachen. Das Ergebnis: Die Größe der sogenannten Schattenbanken (in der Grafik: Other financial intermediaries) hat seit der Finanzkrise weiter zugenommen. (© Global Shadow Banking Monitoring Report 2012)

Solche Nicht-Banken sollen mitverantwortlich gewesen sein für die Entstehung der Finanzkrise. In Deutschland war es beispielsweise die Mittelstandsbank IKB, die in der Finanzkrise als eines der ersten Institute des Landes ins Schlingern kam. Sie hatte mehrere Schattenbanken geschaffen, die sich mit US-Hypothekenpapieren verspekulierten. Am Ende fielen die riskanten Geschäfte der Töchter auf die IKB zurück.

Die Politik fordert daher eine stärkere Kontrolle - allen voran die G 20, also die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer. Im Finanzstabilitätsrat (FSB) der G 20 sind Notenbanker unf Finanzaufseher vertreten. Das Gremium erstellt jährlich einen Bericht, in dem es die Entwicklung der Schattenbanken in 25 Ländern weltweit untersucht. Diese Länder vereinen 90 Prozent des globalen Kapitals auf sich.

Das ernüchternde Ergebnis: Der Kampf gegen die Schattenbanken zeigt bislang wenig Erfolg. Im Gegenteil, die Nicht-Banken sind sogar größer geworden: Der FSB bezifferte das Volumen zum Ende des vergangenen Jahres auf 67 Billionen Dollar (Bericht als PDF). Zum Start der Krise 2007 waren es erst 62 Billionen Dollar, vor zehn Jahren noch 26 Billionen.

Hohe Dunkelziffer
Damit verwalten die größtenteils unregulierten Institutionen etwa ein Viertel der Vermögenswerte im gesamten Finanzsystem. Die "normalen" Banken stellen knapp die Hälfte, der Rest kommt von Versicherern und Pensionsfonds, Staatsbanken und Zentralbanken. Dabei sei die Dunkelziffer bei den Schattenbanken noch groß, sagte der FSB. So seien viele Hedgefonds in Steuer- und Finanzparadiesen zu Hause, wo den Aufsehern genaue Daten fehlten.

Schattenbanken seien zwar an sich nichts Schlechtes, betonten die Aufseher. Doch könnten sie eine Finanzkrise beschleunigen oder sogar selbst auslösen. Riskant wird es zum Beispiel, wenn sich Banken über ihre Tochtergesellschaften unbemerkt verschulden. Institute, die der Bankenaufsicht unterliegen, müssen ihre Geschäfte mit einer bestimmen Quote an Eigenkapital absichern - Schattenbanken können dies mangels Kontrolle umgehen.

Im Krisenfall sind es häufig zuerst Hedgefonds, die sich abrupt aus drohenden Verlustgeschäften zurückziehen. Sie seien aus Sicht der Aufseher am verwundbarsten, weil ihre eigenen Geldgeber in schlechten Zeiten häufig blitzschnell die Liquidität abziehen. Wenn die Hedgefonds aber schnell größere Mengen beispielsweise an Wertpapieren abstoßen, kann dies für Chaos im Finanzsektor sorgen.

Stärkere Kontrollen für Schattenbanken
Der FSB fordert eine strengere Regulierung der Schattenbanken. Das Gremium hat ein Maßnahmenpaket zur Diskussion gestellt, das bis September 2013 von den G-20-Staaten umgesetzt werden soll. Unter anderem sollen die Abschläge bei sogenannten Repo-Geschäften begrenzt werden, die bei Schattenbanken sehr beliebt sind. Dabei hinterlegen Finanzinstitute bei Geschäftspartnern Anleihen und andere Wertpapiere, im Gegenzug erhalten sie kurzfristige Kredite.

Der Kreditnehmer verpflichtet sich, die Wertpapiere zu einem festen Preis zurückzukaufen - die Geldgeber verlangen aber häufig Abschläge auf die Sicherheiten, um sich gegen Wertverluste abzusichern. Die FSB-Experten kritisieren, dass dadurch negative Effekte verstärkt würden. Fallen die Abschläge in guten Zeiten beispielsweise sehr niedrig aus, wird dadurch eine übermäßige Kreditaufnahme gefördert, sagen sie.

Doch nicht alle Schattenbanken sind gefährlich: So zählen die Aufseher auch die in den Niederlanden angesiedelten Finanztöchter vieler Banken zu dieser Gruppe. Den größten Schattenbanken-Sektor haben nach den FSB-Daten die USA: Er ist dort allein 23 Billionen Dollar groß und macht 35 Prozent des gesamten Finanzsektors aus. Die gesamte Euro-Zone kommt auf 22 Billionen Dollar. In internationalen Finanzzentren wie Hongkong, Großbritannien, Singapur und der Schweiz erreicht das Volumen der Schattenbanken ein Vielfaches des Bruttoinlandsprodukts (BIP).




Tages-Anzeiger    20.November 2012

Blackrock
Die grösste Schattenbank der Welt

Der nicht regulierte Bankensektor ist in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Einer der grössten Akteure ist der US-Vermögensverwalter Blackrock, der neue Arbeitgeber des Ex-SNB-Chefs Philipp Hildebrand.
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Credit Suisse und die Schattenbanken

lü - Schattenbanken und ihr System sind in diesen Tagen ein grosses Thema in den Medien. Unter dem Begriff Schattenbanken werden Gesellschaften zusammengefasst, die Bankaktivitäten wie die Kreditvermittlung ausserhalb des regulären Bankensystems ausführen. Laut Schweizer Experten pumpen undurchsichtige Finanzakteure heute sogar mehr Geld ins Wirtschaftssystem als noch vor fünf Jahren.

Den Regierungen sind Schattenbanken daher ein Dorn im Auge. Sie wollen gegen den Wildwuchs vorgehen. Am Sonntag sprach sich das Financial Stability Board, ein Zusammenschluss führender Notenbanken und Finanzbehörden mit Sitz in Basel, dafür aus, die Schattenbanken ans Licht zu zerren, indem die Aufsichtsorgane gestärkt und Kapital- sowie Liquiditätsstandards gestrafft werden.

Einer der grössten Akteure in dieser undurchsichtigen Welt der Finanzen ist der amerikanische Vermögensverwalter Blackrock mit Sitz in New York, der neue Arbeitgeber von Philipp Hildebrand, zuletzt Chef der Schweizerischen Nationalbank. Die «Süddeutsche Zeitung» hat das Unternehmen in einem Porträt (Artikel online nicht verfügbar) genauer unter die Lupe genommen, denn die Firma blieb bis heute weitgehend in der Öffentlichkeit unbekannt. Und dies, obwohl Blackrock durch Zukäufe eine enorme Wachstumsphase hinter sich hat.

3,6 Billionen Dollar Kundenvermögen
Imposant ist die Marktmacht von Hildebrands neuem Arbeitgeber. Sie ist aber genauso unheimlich. Wie die «Süddeutsche Zeitung» schreibt, verwaltet das Unternehmen mehr als 3,6 Billionen Dollar Kundenvermögen. Genug, um damit alles zu kaufen, was die deutsche Wirtschaft pro Jahr produziert. Weil Blackrock eine reine Anlagefirma ist, gelten die strengen Kapitalvorschriften für Kreditinstitute, auf die sich die Regierungen der führenden Industrie- und Schwellenländer nach der Finanzkrise von 2008 einigten, nicht.

Blackrock ist eine typische Schattenbank, weil sie im Reich der Geldmarktfonds, der Beteiligungsgesellschaften, der Hedgefonds und der Vermögensverwalter operiert. Es ist eine parallele Finanzwelt, in der die meisten Aufsichtsbehörden wenig zu melden haben. Schattenbanken florieren dort, wo sich Banken wegen zu grosser Risiken oder zu strenger Vorschriften zurückgezogen haben. Und die Summen sind gewaltig. Binnen weniger Jahre hat sich die Zahl der Finanzgeschäfte verdoppelt, die jenseits des klassischen Bankgewerbes abgewickelt werden. 67 Billionen Dollar sind es inzwischen.

Anlagegigant ist «too big to fail»
Das Geld, das Blackrock verwaltet, stammt von Universitäten, Stiftungen, Staatsfonds, Wohltätigkeitsorganisationen, Rentenkassen und Versicherungen. Und es steckt in Aktien, Anleihen, Immobilien, Geldmarktfonds und sonstigen Kreditderivaten. Blackrock beschäftigt mehr als 10'000 Mitarbeiter und unterhält Büros in allen globalen Finanzzentren. Anders als die meisten Grossbanken handelt der Finanzgigant nicht auf eigene Rechnung, sondern legt ausschliesslich das Vermögen seiner Klienten an.

Auch wenn das Risiko, das von der Vermögensverwaltung ausgeht, nicht so gross ist wie bei einer Investmentbank, steht viel Geld auf dem Spiel. Inzwischen ist Blackrock so gross und hat auf vielen Märkten eine so bedeutende Rolle, dass für die Finanzfirma das gleiche Prinzip gilt wie für Investmentbanken: «too big to fail».

Auch in Europa äusserst aktiv
Und die Firma will weiter expandieren. Wie die «Süddeutsche Zeitung» schreibt, hat sich Blackrock während der letzten drei Jahre zu einer Krisenreaktionskraft auf den globalen Finanzmärkten ausgebaut. Für das amerikanische Finanzministerium sichtet Blackrock toxische Wertpapiere, mit denen die Wallstreet die globalen Kapitalströme verseucht hatte. Angefangen mit Bear Stearns über den Versicherer AIG, die Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac bis hin zur Citigroup – es gab im Unglücksjahr 2008 kaum eine Rettungsaktion, an der Blackrock nicht verdiente. Aber auch in Europa ist Blackrock aktiv: Im Auftrag der griechischen Zentralbank durchstöbert das Unternehmen die Bilanzen der maroden Banken, die jahrelang die Schuldenpolitik des Landes finanziert haben, ohne je die Möglichkeit eines Zahlungsausfalls in Betracht zu ziehen. Auch in Irland dienen Blackrocks Analysen als Grundlage für die Reanimation klinisch toter Banken.

Dass Blackrock eine wichtige Rolle im Finanzsystem spielt, zeigt auch die Tatsache, wie eng deren Chef Laurence Fink mit der US-Regierung vernetzt ist. Vor einigen Wochen hat die «Financial Times» aus der Kontaktliste des amerikanischen Finanzministeriums zitiert. 49-mal hatte Fink demnach in den vergangenen 18 Monaten mit dem amerikanischen Finanzminister Timothy Geithner telefoniert. Als die Staatsschuldenkrise in Amerika im Sommer 2011 einen vorläufigen Höhepunkt erreichte, war Fink den Aufzeichnungen zufolge sogar der zweite Mann nach Zentralbankchef Ben Bernanke, den Geithner informierte – noch vor den Chefs der Investmentbanken an der Wallstreet.




finews    20. November 2012

Schattenbanken sind unverzichtbar fürs System
Martin Hess. Leiter Wirtschaftspolitik bei der Schweizerischen Bankiervereinigung

Wenn gewisse Finanzplätze daran gehen, internationale Standards umzusetzen, sei Optimismus fehl am Platz, sagt Martin Hess von der Bankiervereinigung.
Jean Cocteau sprach von der Angst, für dumm zu gelten, wenn man etwas lobt, und für gescheit zu gelten, wenn man etwas tadelt. Es stünde gut an, diese Angst im Zusammenhang mit den neusten Publikationen des Financial Stability Board (FSB) zum Schattenbankensektor zu überwinden.

In meinem Blogbeitrag vom 8. November 2012 habe ich auf die hohen Erwartungen an das FSB hingewiesen. Diese hat es in meinen Augen erfüllt, weshalb hier Lob gebührt.

In seinem ‹Global Shadow Banking Monitoring Report› publiziert das FSB Schätzungen zur Grösse der Branche und nennt im Detail auch die Art der Schattenbanken. Diese grundlegenden Informationen stecken das Spielfeld ab, auf dem zukünftig neue Regeln gelten sollen.

Unzureichende Datenlage
Dabei wird beispielsweise ersichtlich, dass die USA und die Eurozone den globalen Schattenbankensektor dominieren und die Schweiz zur globalen Aktivität gerade 1 Prozent beiträgt. Zudem werden die Schattenbanken detailliert in Kategorien eingeteilt, die Verbindungen mit dem Bankensektor aufgezeigt und in transparenter Weise auf die noch unzureichende Datenlage hingewiesen.

Weiter präsentiert das FSB auch Empfehlungen, um konkrete Risiken zu reduzieren. Diese werden für das Verbriefungs- und Repogeschäft klar ausgewiesen. In anderen Bereichen sind die Arbeiten noch weniger fortgeschritten.

Gierige Spekulanten?
Das Ausweisen von Risiken ist Voraussetzung für jegliche regulatorischen Markteingriffe, die zudem proportional zu den Risiken sein müssen. Es ist dem FSB hoch anzurechnen, dass es bereit ist, sich dereinst auf solchen Aussagen behaften zu lassen.

Durch die Auflistung der wirtschaftlichen Funktionen macht das FSB auch klar, dass Schattenbanken einen unverzichtbaren Teil des Finanzsystems und nicht einen Haufen gieriger Spekulanten darstellen.

Unsägliche Debatten
Es ist hier nicht der Ort, um einzelne konkrete Vorschläge zu sezieren und Kritik zu üben. Die interessierte Öffentlichkeit hat bis Mitte Januar 2013 Zeit, ihre Sicht der Dinge in der Konsultation der Dokumente einzubringen. Ich wünschte mir, dass der Prozess in vielen anderen Vorhaben zur Verbesserung der internationalen Standards sowie der zwischenstaatlichen oder nationalen Regelungen in den letzten Jahren ebenso transparent aufgesetzt worden wäre.

Im Gegensatz zu den unsäglichen internationalen Debatten um Steuerfragen oder Bankgeheimnis scheint im Schattenbankenbereich der Prozess zweckmässig und nachvollziehbar aufgesetzt.

Bereits im politischen Gegenwind
Doch damit wurde nur der erste Schritt auf dem langen Marsch in Richtung nationale Umsetzung unternommen. Der Verzug bei einzelnen Arbeitskreisen innerhalb des Schattenbankenprojekts lässt darauf schliessen, dass hier und dort gewisse Arbeiten bereits im politischen Gegenwind stehen.

Der schwierigste Teil steht 2014 an, wenn es in verschiedenen Ländern an die nationale Umsetzung geht. Auf Grund der Erfahrungen, wie widerwillig gewisse Finanzplätze daran gehen, internationale Standards wie Basel III in nationale Vorschriften aufzunehmen, ist Optimismus fehl am Platz.

Die Mekkas der Schattenbanken
Für die Schweiz muss jedenfalls weiterhin gelten, dass die Mekkas der Schattenbanken den ersten Schritt tun müssen.




Neue Zürcher Zeitung    20.November 2012

Financial Stability Board
Die Schattenbanken im Visier
Martin Lanz

Nicht nur unvorsichtige Banken, auch das in deren Schatten stattfindende Kreditwesen hat zur Finanzkrise beigetragen. Das Schattenbankensystem soll nun ebenfalls stärker beaufsichtigt und reguliert werden.
Am Sonntag hat das Financial Stability Board (FSB) einen Rahmen vorgestellt, der zu einer besseren Aufsicht und Regulierung von Schattenbanken führen soll. Das aus den Aufsichtsbehörden der wichtigsten Finanzplätze und den dem Finanzsystem zugewandten internationalen Organisationen gebildete Gremium kommt damit einem Auftrag nach, der im Zuge der Finanzkrise von den Staatschefs der G-20 formuliert wurde. Der eine Teil des Auftrags – die «normalen» Banken sicherer zu machen – wird verfolgt, indem unter anderem die Basler Eigenkapitalstandards verschärft worden sind («Basel III»). Der andere Teil des Auftrags besteht darin, die in der Finanzkrise aufgetretenen Aufsichts- und Regulierungslücken zu schliessen. Gemeint ist damit das bis anhin unregulierte Schattenbankensystem, also jener Teil des Kreditwesens, der ganz oder teilweise ausserhalb des regulierten Bankensystems stattfindet.

Verlagerung nach Europa
Den Umfang des globalen Schattenbankenwesens, wozu die Aktiven von Finanzinstituten, die nicht als Banken, Versicherungen, Pensionskassen, öffentliche Finanzinstitute oder Zentralbanken gelten, zählen, beziffert das FSB per Ende 2011 auf 67 Bio. $ oder 111% des aggregierten Bruttoinlandprodukts (BIP) der erfassten Rechtsräume. In den Jahren vor der Finanzkrise war das Kreditwesen ausserhalb der Banken stark gewachsen, von geschätzten 26 Bio. $ (2002) auf 61 Bio. $ (2007).

Das Schattenbankensystem macht laut FSB etwa 25% des gesamten Kreditwesens aus. Mit Aktiven von 23 Bio. $ oder 35% des Totals haben die USA das grösste System, es folgen die Euro-Zone (22 Bio. $ oder 33%) und Grossbritannien (9 Bio. $ oder 13%). Ende 2005 betrug der Anteil der USA noch 44%. Die Euro-Zone und vor allem Grossbritannien, aber auch Südkorea, Japan und Brasilien haben ihre Anteile hingegen ausgebaut. Der Anteil der Schweiz blieb zwischen 2005 und 2011 stabil bei 1%. In absoluten Zahlen hielten Schweizer Schattenbanken per Ende des letzten Jahres 1,3 Bio. $ an Aktiven (210% des BIP). Relativ zum BIP sind Schattenbanken in Hongkong (520%), den Niederlanden (490%), Grossbritannien (370%) und Singapur (260%) gewichtiger als in der Schweiz. Den grössten Teil des Schattenbankensystems bilden laut FSB «andere» Investitionsfonds (35%), «Andere» (18%), strukturierte Anlagevehikel (10%) sowie Broker-Dealer, Finanzgesellschaften, Finanzholdings und Geldmarktfonds (je 7%). Wenig überraschend stellt das FSB fest, dass die Daten über das Schattenbankwesen noch zu wenig detailliert sind.

Anfällig für Anstürme
Den Finanzaufsehern des FSB geht es nicht darum, das ausserhalb der Banken stattfindende Kreditwesen abzuwürgen. Es sei eine valable Alternative zu Bankkrediten und unterstütze die Realwirtschaft – wenn es denn richtig gehandhabt werde. Weil Schattenbanken aber eine fremdfinanzierte Fristentransformation betrieben, seien sie wie Banken anfällig für Vertrauenskrisen und «Runs», welche das gesamte Finanzsystem destabilisieren oder gar einfrieren könnten. Die FSB-Empfehlungen zielen deshalb darauf ab, negative gegenseitige Beeinflussungen zwischen Schattenbanken- und Bankensystem zu unterbinden, Geldmarktfonds weniger anfällig auf Runs zu machen und systemische Risiken, die von anderen Schattenbanken ausgehen, zu erfassen. Zu untersuchen seien zudem etwa die Anreizsysteme bei verbrieften Krediten sowie vom Repo-Markt und der Ausleihe von Wertpapieren ausgehende Risiken.
Die FSB-Empfehlungen sollen bis zum nächsten G-20-Gipfel im September 2013 in St. Petersburg bereinigt werden. Sie werden erst durch die Übernahme in nationales Recht bindend.




Neue Zürcher Zeitung    20.November 2012

SNB und Finma ohne genaue Kenntnisse
Schwer fassbare Schattenbanken

Die Schattenbanken sind ein nur schwer zu fassender Sektor. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)Schattenbanken wecken Ängste der Anleger und das Interesse der Regulatoren. Letztere fürchten Unfälle durch die Abwanderung von Finanzaktivitäten in den nicht regulierten Sektor.
gho./ti. - Die im Schatten sieht man bekanntlich schlecht. Der Financial Stability Board (FSB) versucht im bereits zum zweiten Mal erscheinenden Monitoring-Bericht zu den Schattenbanken Licht in diesen Bereich des Finanzsektors zu bringen. Unter dem Begriff Schattenbanken werden Gesellschaften zusammengefasst, die Bankaktivitäten wie die Kreditvermittlung ausserhalb des regulären Bankensystems ausführen. Dabei unterliegen sie auch nicht einer Bankenaufsicht. Laut FSB betrugen die Aktiven der Schattenbanken per Ende letzten Jahres 67 000 Mrd. $ oder 111% des Bruttoinlandprodukts von 25 Ländern, die rund 90% aller Finanzaktiven auf sich vereinigen.

Kreditschöpfer ohne Einlagen
Der Begriff ist aber weit davon entfernt, fest umrissen zu sein. Zunächst basiert er auf einer Negativdefinition: Es gehören die Gesellschaften dazu, die nicht als Banken, Versicherungen, Pensionskassen, öffentliche Finanzinstitute oder Notenbanken firmieren. Die Begriffsbestimmung in den einzelnen Ländern ist nicht einheitlich, zudem gibt es in jedem Rechtsraum spezielle Vehikel. So zählen auch manche Finanztöchter, die dort aus Steuergründen domiziliert sind, in den Niederlanden häufig zu den Schattenbanken. Die grösste Gruppe besteht aus «anderen Investmentfonds»: Aktien-, Anleihen- und gemischte Fonds sowie Exchange-Traded Funds.

Die wichtigsten Merkmale sind, dass Schattenbanken als Kreditgeber auftreten und in Konkurrenz zu Geschäftsbanken treten können. Ausserdem dürfen sie keine Einlagen annehmen. Unter die Schattenbanken können auch Nichtbanken fallen, die Leasing, Konsum- oder Geschäftskredite anbieten.


In den Zahlen des FSB fällt auch der mit 0,4% an den gesamten Aktiven geringe Anteil von Hedge-Funds auf (vgl. Grafik). Dies rühre daher, dass viele Hedge-Funds in Ländern domiziliert seien, die nicht vom Bericht abgedeckt würden. Laut Hedge Fund Research verwalten Hedge-Funds 2 Bio. $, was einen Anteil von knapp 3% am eruierten Schattenbanken-Sektor bedeuten würde.

Der FSB betont auch die positive Rolle der Schattenbanken für die Finanzierung von Wirtschaftsaktivitäten. Systemische Risiken sollten jedoch eingeschränkt werden. Gesellschaften würden sich dem Risiko eines unerwarteten Mittelabzugs aussetzen, wenn sie mit kurzfristigen Geldern langfristige Aktivitäten finanzierten. Zudem steht die mehrfache Verwendung von Wertpapieren und anderen Aktiven in Form der Wertpapierleihe und von Repo-Geschäften in der Kritik. Ein wichtiger Grund des FSB ist auch, eine sogenannte Regulierungsarbitrage zu vermeiden: Die verschärfte Bankenregulierung soll nicht zu einer Abwanderung von Aktivitäten in den nicht regulierten Bereich führen.

Auch in der Schweiz ist der Nichtbankensektor heterogen und schwer fassbar. Weder die SNB, die über die Stabilität des Finanzsystems wacht, noch die Finma, die die einzelnen Banken beaufsichtigt, sind in der Lage, sich ein zuverlässiges Bild zu machen. Laut FSB ist der Anteil der Schweizer Banken an den landesweit gehaltenen Aktiven merklich gesunken; gleichzeitig stieg das relative Gewicht des Nichtbankensektors.

Dass die Diskussion um die Regulierung des Nichtbankensektors an Fahrt gewinnt, ist kein Zufall. Die verschärften Eigenkapitalvorschriften haben zur Folge, dass die beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse, namentlich im Investment Banking, eine Reihe von Geschäftsbereichen aufgeben müssen. Unter dem neuen Eigenkapitalregime lassen sich diese Aktivitäten zu wenig oder überhaupt nicht mehr profitabel betreiben. Diese Geschäfte wandern zu den nicht regulierten Schattenbanken ab.

Keine Katastrophe
Das muss keine Katastrophe sein. Denn zum einen steht, anders als bei Banken, nicht der Schutz von Einlegern im Zentrum; die Kunden von Nichtbanken sind meist professionelle Anleger, die mit Risiken umgehen können. Zum andern sind die heterogenen, stark fragmentierten Nichtbanken nicht systemrelevant – das Finanzsystem nimmt keinen Schaden, wenn sie untergehen. Schliesslich generieren Nichtbanken auch einen Zusatznutzen – etwa indem sie Akteuren Risikokapital zur Verfügung stellen, die anderswo nicht kreditwürdig wären, oder Anlagemöglichkeiten ausserhalb des klassischen Universums bieten.